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Rezension: Sachbuch : Die Kuh gehört ins Haus

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Jahrelang drohte die Krise am englischen Horizont, dann brach sie über die Kontinentaleuropäer herein: Das BSE-Unwetter entlud sich über unseren ratlosen Köpfen. Landwirte, Verbraucher und Politiker waren sich einig: Die Produktion unserer Nahrung muß sich ändern, damit wir in Zukunft von ähnlichen Krisen verschont bleiben.

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          Jahrelang drohte die Krise am englischen Horizont, dann brach sie über die Kontinentaleuropäer herein: Das BSE-Unwetter entlud sich über unseren ratlosen Köpfen. Landwirte, Verbraucher und Politiker waren sich einig: Die Produktion unserer Nahrung muß sich ändern, damit wir in Zukunft von ähnlichen Krisen verschont bleiben. Als sich bereits abzeichnete, daß sich das Nachrichtengewitter verzog, nicht aber die alltägliche Bedrohung durch den problematischen Zustand von Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt, schrieb Ulrich Kluge sein Buch "Ökowende". Der Landwirt und Historiker geht zunächst auf die Rahmenbedingungen ein, unter denen sich die Seuche BSE ausbreitete, und beginnt seine Darstellung im Jahr 1957 mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft.

          Seitdem sei Landwirtschaft in Europa immer stärker unter ökonomischen Gesichtspunkten betrieben worden, immer weniger habe sie der unmittelbaren Bekämpfung des Hungers gedient. Die Erträge stiegen erheblich und führten in die Überproduktion. Die Einkommensunterschiede der Bauern wurden größer, zahllose Betriebe wurden aufgegeben, weil sie mit der allgemeinen Entwicklung nicht mithalten konnten. Während sich die Preise für Nahrungsmittel wenig veränderten, wurde die agrarische Produktion immer teurer; die Finanzierung übernahm vor allem die Europäische Gemeinschaft. Die charakteristischen ländlichen Strukturen der einzelnen Agrarregionen verschwanden, denn man hatte sie alle miteinander gleichgesetzt. In den Jahren nach 1985 wurde, wie Kluge in einem zweiten Abschnitt darlegt, der Rinderwahnsinn in England zur bekannten Seuche, schon bald waren mögliche Zusammenhänge zur Verfütterung von Tiermehl und mit der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim Menschen im Gespräch. Doch verfahren wurde vor allem wie bei der Schweinepest: Befallene Tierbestände wurden "gekeult".

          Obwohl riesige Mengen an Tieren getötet wurden, war ihre Zahl in den Ställen schnell wieder genauso hoch wie zuvor. Viel zu viele Tiere wurden gemästet, deren Fleisch immer dann nur wenige Menschen kaufen wollten, wenn eine neue Seuchenentwicklung publik wurde. Die sogenannten "Ökobetriebe" konnten die Marktsituation nicht für sich nutzen, vor allem, weil ihre Wirtschaftsweise staatlich und ideologisch vorgegeben wurde, anstatt aus Einsicht zu wachsen. Nach der deutschen Wiedervereinigung sah man in Europa ein neues Ideal des landwirtschaftlichen Großunternehmens: den aus der LPG hervorgegangenen Riesenbetrieb der ostdeutschen Bundesländer. Die Subventionierung solcher Betriebe betrachtet Kluge ebenso als Fehlgriff wie die plötzliche Verordnung, einen gewissen Teil der Produktion auf "Öko" umzustellen.

          Einen Ausweg aus der Krise sieht Kluge in einer Förderung des bäuerlichen Familienbetriebes. Dabei ist es zweitrangig, ob dieser Betrieb "konventionell" oder "ökologisch" produziert, ob er im Voll- oder Nebenerwerb geführt wird; für Kluge ist die Wahrung einer engen Verbindung von Landwirt, Landwirtschaft und Umwelt wichtig. Sie kann am wenigsten von einer Genossenschaft garantiert werden. Europas Landwirtschaft ist vielfältiger als diejenige in anderen Erdteilen und erfordert daher eine andere Behandlung. Landwirtschaftspolitik, fordert der Autor, möge sich vor allem um die europäischen Belange kümmern und die Vielfalt in den ländlichen Räumen nicht nur der heutigen EU, sondern auch der Beitrittsländer bewahren. Dies könnte in der Tat zu einer entscheidenden Nagelprobe für die Erweiterung politischer und wirtschaftlicher Dimensionen in Europa werden.

          Man könnte dem Autor vorhalten, daß sein Buch zu schnell geschrieben wurde. Die Statistiken und Graphiken zur Landwirtschaftsentwicklung sind nicht auf den aktuellen Stand gebracht, man erfährt kaum etwas über die Ertragsentwicklungen des vergangenen Jahrzehnts. Man fragt sich, ob der Beginn der Krise der Landwirtschaft wirklich mit dem Jahr 1957 in Verbindung gebracht werden muß oder ob diese Entwicklung nicht schon viel früher einsetzte. Sie hatte, das müßte klarer gesagt sein, nicht nur das agrarpolitische Desaster, sondern auch die Besiegung des drohenden Hungers in Europa zur Folge. Trotzdem: Es war die richtige Entscheidung von Autor und Verlag, dieses Buch schnell zu schreiben und jetzt zu publizieren. Es ist kein Handbuch, will auch sicher keine abschließenden Urteile abgeben, sondern zum Nachdenken anregen. Seine Botschaft ist sehr klar formuliert. Die Politik und unser heutiges Alltagsleben lassen sich zu sehr von einer der größten Herausforderungen unserer Zeit ablenken, nämlich der Suche nach der Neuorientierung des ländlichen Raumes. Kluge tritt mit seinem packend geschriebenen Buch für eine Ökowende ein, die vor allem ein Wandel unserer Einstellung gegenüber der Landwirtschaft sein muß.

          Ulrich Kluge: "Ökowende". Agrarpolitik zwischen Reform und Rinderwahnsinn. Siedler Verlag. Berlin 2001. 187 S., geb., 36,- DM.

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