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Rezension: Sachbuch : Die Kanone war seine Rettung

  • Aktualisiert am
          2 Min.

          Im Jahr 1816 hatte ein alter polnischer Jude ein wunderbares Erlebnis. Vor dem Leege-Tor in Danzig begegnete ihm ein prächtig dekorierter Offizier in Paradeuniform. Seiner Gewohnheit nach nahm der weißbärtige Alte ehrfurchtsvoll die Mütze ab und verneigte sich tief. Doch der Offizier trat zu ihm und bat ihn, sich nicht zu demütigen, er sei gleichfalls ein Abkömmling Israels, und beide seien mithin Brüder. Der alte Jude war tief bewegt. Außer sich vor Freude breitete er die Arme aus und rief: "Gott, Gott, was hab' ich gehört, was hab' ich gesehen!"

          Gesehen hatte er den preußischen Artillerie-Leutnant Meno Burg. Dieser außergewöhnliche Mann sollte als einziger Stabsoffizier Preußens, der zugleich praktizierendes Mitglied der jüdischen Gemeinde war, in Berlin stadtbekannt, ja regelrecht populär werden. Unmittelbar nach seinem Tod wurde seine "Geschichte meines Dienstlebens" veröffentlicht; jetzt ist sie neu aufgelegt worden. Burg wollte in dieser Niederschrift Juden der jüngeren Generation durch sein eigenes Beispiel ermutigen, sich mit Engagement und Gottvertrauen an eine Karriere im Staats- oder Militärdienst zu wagen; ein Vor-Bild, das freilich höher hing, als er selbst glauben mochte.

          1812 meldet sich der junge Bauzeichner und Feldmesser, wie viele andere, freiwillig zur Armee. Doch zu Kämpfen wird Burg keine Gelegenheit haben. Seine Vorbildung und sein pädagogisches Geschick entscheiden seine Laufbahn, und schon bald beruft ihn Prinz August von Preußen, sein Entdecker und langjähriger Förderer, als Zeichenlehrer an die königliche Artillerie- und Ingenieurschule nach Berlin. Hier setzt Burg eine grundlegende Reform der Lehrmethoden durch, die er wenig später in seinem zweibändigen Werk "Die geometrische Zeichenkunst" dokumentiert.

          Mehr noch als fachliche Kompetenz aber trägt die persönliche Liebenswürdigkeit, die ihm Natur und Programm gleichermaßen ist, zu Burgs legendärer Beliebtheit bei. Er will nicht einfach nur Können und Kenntnis vermitteln - er möchte die Liebe seiner Schüler und Kollegen gewinnen. Wie sehr ihm dies gelingt, zeigt eine Episode aus seinen späteren Jahren: Während einer privaten Rhein-Reise wird er zufällig von Offizieren der Koblenzer Garnison erkannt, seinen ehemaligen Schülern. Die dankbaren Artilleristen lassen es sich nicht nehmen, ihren alten Lehrer mit einem spontan ausgerichteten Festbankett unter Blasmusik und Chorgesang zu feiern.

          Burgs Hingabe an seinen Dienst ist bedingungslos, seine langen Ergebenheitsfloskeln sind ihm bitterernst. Judenfeindliche Bemerkungen und bisweilen groteske Vorurteile behandelt er mit der Gelassenheit dessen, der es besser weiß. Denn daß er als Jude darauf aus sein muß, ständig an sich zu arbeiten, auf sich achtzugeben, ja überhaupt im persönlichen Umgang mit anderen "den Juden in Vergessenheit" zu bringen, steht für Meno Burg außer Frage. Kein Widerspruch, sondern vielmehr die Voraussetzung dafür sind die tiefe Gläubigkeit und das unerschütterliche Festhalten an seiner Religion. Da beißt auch der König auf Granit, dem es lieber gewesen wäre, Burg hätte, wie übrigens viele Juden in dieser Epoche des romantischen Bildungs-Christentums, vor seiner Beförderung den Glauben gewechselt.

          Keine kriegerische Aktion bezeichnet den dramatischen Höhepunkt dieser Militärlaufbahn, sondern die ebenso schlichte wie bange Frage: Macht der König von Preußen einen Juden zum Major? Meno Burg hat die Stellung, die er bezogen hat, durchaus als Kampf aufgefaßt, wie die Stellung der Juden zum Staat überhaupt. Der König unterzeichnete das Patent. Burg hatte seinen Kampf gewonnen. Als man den Berliner "Judenmajor" 1853 zu Grabe trug, folgten seinem Sarg 60000 Menschen. UWE SCHILDMEIER

          Meno Burg: "Geschichte meines Dienstlebens". Erinnerungen eines jüdischen Majors der preußischen Armee. Verlag Hentrich & Hentrich, Teetz 1998. 193 S., Abb., geb., 36,80 DM.

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