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Rezension: Sachbuch : Die Grenzen der Unerbittlichkeit der Selbstbefragung

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"So sitze ich denn zwischen allen Stühlen": Victor Klemperers Tagebücher aus der Zeit der Verfolgung und der Eingliederung

          10 Min.

          Im neuen Jahrhundert wird Victor Klemperer zu den Kronzeugen unserer Epoche zählen, und es wird unmöglich sein, über die intellektuelle und politische Entwicklung Deutschlands zu sprechen, ohne seine Aussagen zu hören. Wir stehen mitten in einem Klemperer-Kult, und der Umstand, dass die öffentliche und internationale Aufmerksamkeit seinen Tagebüchern eher als seinen literaturhistorischen Arbeiten gilt, hätte ihn gar nicht betrübt. Die Schwierigkeit liegt darin, die Tagebücher - jene aus der NS-Zeit und die aus der DDR-Epoche - in ihren Kontinuitäten zu lesen und den Autor der einen nicht weniger zu respektieren als den der anderen. Immerhin: die beiden gewichtigen Bände 1933 bis 1945 sind bisher in der zehnten Auflage und in 168 000 Schubern im Umlauf (ein englischer Rezensent berichtete, ein amerikanischer Verlag hätte 550 000 Dollar für die Übersetzungsrechte bezahlt, die höchste Summe in der deutschen Verlagsgeschichte), die beiden Bände 1945 bis 1959, zur Leipziger Buchmesse erschienen, stehen bei 23 000 Exemplaren, elf Auslandslizenzen sind vergeben, und ein dreizehnteiliger ARD-Film, mit Matthias Habicht als Klemperer und Dagmar Manzel als Frau Eva, soll ab dem 12. Oktober gesendet werden.

          Dieser Welterfolg besänftigt aber das Auf und Ab meiner Emotionen nicht. Sobald ich Klemperers Aufzeichnung über seinen Aufenthalt in den Dresdner Judenhäusern lese (die Gestapo-Leute spuckten den Juden ins Gesicht), wird mir physisch schlecht (ehe ich noch an meine Familienmitglieder in Theresienstadt und Auschwitz denke). Sobald ich aber zur Lektüre der DDR-Aufzeichnungen übergehe, regt sich mein staunender Widerwille gegen den einst so gedemütigten Menschen, der sich jetzt freiwillig und gierig demütigt, um ja noch eine Funktion unter den Funktionären zu ergattern. Der melancholische Märtyrer aus den Judenhäusern als Nobel-Radieschen, außen leuchtend rot, und innen was-weiß-ich, que sais-je, wie er immer wieder sagt.

          Im Vorwort zu Klemperers Geschichte der französischen Literatur des achtzehnten Jahrhunderts spricht ein dem damaligen SED-Standpunkt nahe stehender Kommentator von den "Leiden des jüdischen Intellektuellen". Doch diese Charakteristik war Klemperer seit jeher zuwider. Denn er glaubte fest daran, ein "Reichsdeutscher" zu sein wie sein Vater, und durch die Taufe ("peinlich", aber "richtig") befähigt worden zu sein, wie Karl Gutzkows "Uriel Acosta" "ins Allgemeine" zu tauchen und nicht zu einer "Sonderexistenz" verdammt zu sein. Deutsch und protestantisch waren ihm lange identisch. Der geliebte Inbegriff des protestantischen Deutschen war ihm Lessing, allerdings ein von allen theologischen Widersprüchen gereinigter.

          Nun ja: Klemperers Vater, der Rabbiner, stammte aus der altehrwürdigen Prager Judenstadt, und sein Sohn hätte am liebsten alle Juden, die keine Stehkragen trugen und preußische Patrioten waren, als "Österreicher" disqualifiziert. Hinter Bodenbach beginnt der Balkan, und im buntscheckigen Kakanien, vor allem in seinen galizischen Provinzen, wo so viele Nationen mit- und gegeneinander lebten, mochte ein nationalbewusstes Judentum oder gar der neue Zionismus eine dubiose Berechtigung haben.

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