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Rezension: Sachbuch : Die Gier nach Gold macht die Menschen schlecht

  • Aktualisiert am

Und reißt Familien auseinander: Malcolm J. Rohrbough erzählt vom kalifornischen Wirtschaftswunder anno 1848 und seinen Kosten

          Der kalifornische gold rush, der die Vereinigten Staaten um die Mitte des letzten Jahrhunderts in Atem hielt, zählt zu den Gründungsmythen der amerikanischen Nation, in denen sich Fakten mit Legenden mischen. Das Geschehen lebt fort in Namen wie "Golden State" für Kalifornien oder Golden Gate Bridge, und auch das prominente Football Team der "San Francisco 49ers" erinnert an die gut 300000 Goldsucher, die von 1849 an zu Wasser und zu Lande nach Kalifornien strömten, um in den Sierras und Flüssen des Landesinnern ihr Glück zu machen. Rechtzeitig vor den bald beginnenden Hundertfünfzigjahrfeiern hat Malcolm J. Rohrbough, der nicht in Berkeley oder Stanford, sondern an der Iowa State University Geschichte lehrt, ein Buch über den gold rush veröffentlicht, den er als das wichtigste Ereignis zwischen Jeffersons Erwerbung von Louisiana von 1803 und dem Bürgerkrieg sowie als "die größte Massenwanderung in der Geschichte der Republik" bezeichnet.

          Ansonsten neigt der Verfasser erfreulicherweise weder zu Superlativen noch zur Heroisierung; er nähert sich dem Thema recht behutsam aus einem anderen Blickwinkel als die bisherige Literatur, deren Schwerpunkt auf den politischen Begleitumständen und ökonomischen Folgen der Goldfunde liegt. Die Kenntnis des politischen Hintergrunds, zu dem der Krieg gegen Mexiko von 1846 bis 1848, die Aufnahme Kaliforniens als eines "sklavenfreien" Staates in die Union 1850 und der wachsende Nord-Süd-Konflikt gehören, wird weitgehend vorausgesetzt, was selbst amerikanischen Lesern einige Mühe bereiten könnte. Auch wer sich vornehmlich für wirtschaftliche Zusammenhänge interessiert, wird zu kurz kommen, denn außer einigen demographischen Daten und der Information, daß der Wert der Goldproduktion in Kalifornien von zehn Millionen Dollar im Jahr 1849 bis auf 81 Millionen 1852 anstieg und danach wieder zurückging, finden sich im Text nur wenige statistische Angaben.

          Statt dessen lenkt der Autor unsere Aufmerksamkeit auf die psychologische Ebene. Er macht uns mit den individuellen und kollektiven Erfahrungen der Beteiligten vertraut, die sich zu einem "einzigartigen Abenteuer" und einem "gemeinsamen internationalen Erlebnis" summierten. Seine Hauptquellen sind Tagebücher und Briefe, die in erstaunlich großer Zahl erhalten geblieben sind. Die handelnden und betroffenen Personen - die "Auswanderer", unter denen sich nur wenige Frauen befanden, ebenso wie die vielen zurückgebliebenen Ehefrauen, Bräute und Mütter - geben hier auf authentische, unvermittelte Weise über ihre Hoffnungen und Ängste, ihre Entscheidungen und Versäumnisse, ihre Erfolge und Enttäuschungen Auskunft. Natürlich sprechen diese persönlichen Zeugnisse nach eineinhalb Jahrhunderten nicht mehr "für sich", sondern müssen ebenso kritisch wie sensibel gelesen und interpretiert werden. Dies ist die Stärke des Verfassers, dessen Darstellung den gold rush vor unseren Augen als ein Mosaik Tausender von Einzel- und Familienschicksalen erstehen läßt, die den "alten" Osten der Vereinigten Staaten mit der exotisch-lockenden "neuen Welt" an der pazifischen Küste verbinden.

          Der Bogen der Erzählung spannt sich von der Verabschiedung der "Argonauten", wie die zumeist jugendlichen Goldsucher von den klassisch gebildeten Zeitgenossen genannt wurden, in ihren Heimatorten über die Reise, die sie per Schiff (um Kap Hoorn oder zum Isthmus von Panama, der zu Fuß durchquert werden mußte) oder im Planwagen durch die Prärie und die Rocky Mountains nach Kalifornien brachte, zu den mining camps und boom towns, wo das Gold gefunden wurde, die Dollars aber auch ebenso rasch wieder verspielt werden konnten. Hier mußten sich die Ankömmlinge in einer fremden Umgebung neu orientieren und an eine fast reine Männergesellschaft gewöhnen, betrug doch der Anteil von Frauen an der kalifornischen Bevölkerung 1850 weniger als acht Prozent.

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