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Rezension: Sachbuch : Die Frau des Jahrhunderts

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Christa Maerker erzählt von Marilyn Monroe und Arthur Miller

          Ein Dramatiker und eine Schauspielerin als Paar - nicht eben eine Alltäglichkeit, doch auch nicht gerade eine Sensation. Da sie aber Arthur Miller und Marilyn Monroe heißen, ist alles anders. Der weltbekannte Linksintellektuelle, der in der McCarthy-Ära vor den Senatsausschuß für unamerikanische Aktivitäten zitiert und von ihm verurteilt wird, der Autor von Stücken wie "Tod eines Handlungsreisenden" und "Hexenjagd", und der berühmte Filmstar, die "Sexbombe", die das männliche Hirn lahmlegt, sie bedienen alte Klischees - den Gegensatz von Kopf und Körper, von Geist und Leib. Bei den Dreharbeiten Marilyns steht ihre Schauspiellehrerin in den Kulissen und legt die Hand an den Schoß, wenn sie Marilyn ermahnen will, ihr besonderes darstellerisches Kapital einzusetzen. Das bissigste Wort über ihren Verstand hat einer ihrer zeitweiligen Geliebten gesagt: "Im Vergleich zu deinen Brüsten ist er ein Embryo."

          Die Herabsetzungen treffen die Verletzliche doppelt, weil ihr ohnehin die Minderwertigkeitsangst im Nacken sitzt, das Trauma einer vater- und mutterlosen Kindheit der Norma Jeane Mortensen (so ihr eigentlicher Name), in das sie sich geradezu hineinsteigert, unterstützt von Psychoanalytikern, die ständig in ihrer Vergangenheitswunde herumbohren. Natürlich widerruft ihre zweite Ehe, mit einem Nationalhelden des Sports, dem ehemaligen Baseballspieler Joe DiMaggio, ihren Ruf als dummes Blondchen nicht gerade. Doch daß sie diese Ehe im Jahre 1954 nur knappe zehn Monate aushält (sie nennt sich nun schon Marilyn Monroe), ist in Wahrheit ein Dementi: der Mann, dessen sizilianisches Erbblut bei Eifersuchtsanfällen kocht und der nur angelt, Baseball oder Billard spielt und vor dem Fernseher hockt, ist ihr zu primitiv. Arthur Miller, ihr dritter Mann, führt sie nicht nur in eine Welt der Kultur, von der sie sich bisher ausgeschlossen fühlte, sondern sieht auch die andere Seite der Glamour-Schönheit, bewundert ihre "ironischen Bemerkungen", ihren "trockenen Humor", den Witz, mit dem sie denjenigen entwaffnet, der sie glaubt bloßstellen zu können.

          Aber da ist auch jener schreckliche Moment im englischen Landhaus, das man 1957 für die Dauer der Aufnahmen zum Film "Der Prinz und die Tänzerin" mit Laurence Olivier gemietet hat, als Arthur sein Tagebuch offen auf dem Tisch hat liegen lassen und Marilyn liest, was über sie notiert ist: der, für den sie einmal ein Engel war, hält sie nur noch für eine unberechenbare, hilflose Kindfrau, die er bemitleidet. Noch wird die Ehe vier Jahre halten, aber in Marilyn haften solche Sätze wie Widerhaken. Versuche, die Ehe durch ein Kind zu heilen, scheitern an Fehlgeburten. Der Dämon ihres Lebens, die Alkohol- und Tablettensucht, gewinnt die Oberhand. Ein dreiviertel Jahr nach der Scheidung, Anfang August 1962, stirbt Marilyn an einer Überdosis der zur Droge gewordenen Schlafmittel.

          Den Band über Marilyn Monroe und Arthur Miller in der von Claudia Schmölders herausgegebenen Reihe "Paare" hat Christa Maerker geschrieben. Die Journalistin und Filmkritikerin kennt sich im Medium Film auch praktisch aus, hat Dokumentarfilme für das Fernsehen gemacht und als Drehbuchautorin gearbeitet. Sie konnte sich außerdem auf ein gutes Dutzend von Büchern zum Thema stützen, von denen das emphatischste Marilyn Monroe als "Die Frau des Jahrhunderts" anpreist. Auf den Ton der Hagiographie läßt sich allerdings Christa Maerker nicht ein. Sie breitet das biographische Material zur eigenen Bewertung vor dem Leser aus.

          Mit ihrem schriftstellerisch-journalistischen Trick, dieses Material zu ordnen, legt sie sich zugleich eine Fußangel. In einem Kapitel über die Jahre 1951 bis 1956 führt sie den Leser in die Liebesgeschichte der beiden Protagonisten ein, um dann in zwei Kapiteln deren Leben und schriftstellerischen beziehungsweise schauspielerischen Werdegang bis zum Jahre 1951 nachzuzeichnen. Das Schlußkapitel über das "Scheitern einer Ehe" (1956 bis 1962) knüpft wieder an das Anfangskapitel an, aber dieses ist dem Leser nicht mehr gegenwärtig genug, um die Lücke von fünf Jahren zu schließen. Zwischen 1951 und 1956 haben die Szenarien gewechselt (auch die Schauspiellehrerinnen Marilyns); der Leser hat Orientierungsschwierigkeiten. Andererseits liebt die Autorin Zeitsprünge, Rückgriffe wie Vorgriffe; Wiederholungen sind die Folge.

          Die Darstellung, lebendig und spannend, steuert immer auf die Sensation zu, ist ein essayistisches Pendant zum Actionfilm. Wenn die Autorin glaubt, sich als literarisch und journalistisch schmissig ausweisen zu müssen, purzelt auch die Sprache ins Saloppe: "Erst drei Jahre und seinen einzigen Roman . . . später wird Miller seinem verzweifelten Entschluß untreu."

          Doch gelingt es Christa Maerker, das Verhältnis der beiden so ungleichen Partner von beliebten Klischees wegzuführen. Die Synthese von Intellekt und Sinnlichkeit, die sich beide von ihrer Gemeinschaft erhofften, war wohl nicht erreichbar. Arthur Miller blieb der Souverän, er ging ja auch nach der Scheidung eine dritte Ehe ein. Der Glamour des Filmstars verbarg eine innere Trümmerlandschaft, in der Angst, Traurigkeit und Hilflosigkeit hausten. Die Ehe hatte etwas von einem Glücksspiel, in das Marilyn sicherlich mit dem höheren Einsatz gegangen ist. Für sie wurde es zum Lebensspiel mit tragischem Ausgang. WALTER HINCK

          Christa Maerker: "Marilyn Monroe und Arthur Miller". Eine Nahaufnahme. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 1997. 190 S., geb., 34,- DM.

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