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Rezension: Sachbuch : Die Falten des Geistes

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Barock werden mit Gilles Deleuze / Von Thomas Wagner

          Ein übernatürlicher Wind", schreibt Gilles Deleuze, "macht aus dem Mantel des Hieronymus des Johann Joseph Christian in der Abteikirche von Zwiefalten ein schwellendes und gewundenes Band, das in der Bildung eines hohen Kamms hinter dem Heiligen ausläuft." Indem die Kunst des Barock zwischen dem Körper und seiner Kleidung etwas Drittes, die vier Elemente, einführt, befreit sie die ausschweifenden, gebauschten, gekräuselten Kleiderfalten davor, bloße Dekoration zu sein. Alles will hinaufgetragen werden in die Sphäre des Geistigen. Wenn bei Gian Lorenzo Bernini der Marmor Falten ins Unendliche trägt, so Deleuze, dann lassen sie sich nicht mehr mit dem Körper erklären, sondern mit einem geistigen Abenteuer, das den Stein durchglühen kann. In seinem Buch "Die Falte. Leibniz und der Barock", das 1988 in Frankreich erschienen ist und jetzt in einer deutschen Ausgabe vorliegt, umspielt der kürzlich verstorbene französische Philosoph Gilles Deleuze eine Definition des Barock, indem er den Begriff der ins Unendliche gehenden Falte expliziert. Im Französischen heißt Falte "le pli", womit ex-pli-zieren sogleich innig mit dem Vorgang der Faltung und Entfaltung verbunden ist. Und Gottfried Wilhelm Leibniz gibt dieser barocken Welt, an der er intensiv Teil hat, die Philosophie, die ihr fehlt.

          Die postmoderne Philosophie hat stets versucht, statt einer vernunftgeleiteten Einheit, die sie verdächtigte, nur gewaltsam zustande kommen zu können, eine dem Anspruch auf Herrschaft über das Endliche unverdächtige Vielheit zu denken. Statt nach dem Wesen und nach realen Trennungen zu forschen, was die Fülle der Erscheinungen terrorisieren würde, suchten Denker wie Foucault, Derrida, Lyotard, Serres und Deleuze nur mehr nach Unterscheidungen des Mannigfaltigen, nach Fluchtlinien und Intensitäten. Welche Begriffe dabei favorisiert wurden und auf welche Kronzeugen man sich berief, war oft überraschend.

          Gilles Deleuze rekonstruiert nun Leibniz' Monadologie als barocke Metaphysik, an die sich die Postmoderne anschließt und von der sie im Versuch, das Mannigfaltige zu denken, profitieren kann. Denn auch Leibniz entwickelte seine Philosophie als Alternative zur systematischen Rationalität: "Es gibt keine Universalität, sondern Allgegenwart des Lebendigen." Dabei setzte Leibniz gerade nicht auf eine Restriktion der Prinzipien, sondern auf deren Vervielfältigung. Deleuze erkennt im Barock den allerletzten Versuch, eine klassische Vernunft wieder aufzurichten, indem er die Divergenzen auf ebenso viele mögliche Welten verteilt: "Die in einer selben Welt auftretenden Unstimmigkeiten können gewaltsam sein, sie lösen sich in Zusammenklängen auf, weil die einzigen irreduziblen Dissonanzen die zwischen unterschiedlichen Welten sind."

          Die Untersuchung verfolgt also nicht in erster Linie eine genealogische Absicht. Denn die ins Unendliche gehende Falte ist keine Wesensbestimmung. Der Begriff verweist vielmehr auf eine operative Funktion, mit der sich philosophisch arbeiten läßt. Deleuze wäre nicht der Denker der Differenz, rekonstruierte und erläuterte er einfach Leibniz' Denken: Er sucht es vielmehr im Nachvollzug seiner Wendungen und Krümmungen, seiner Einstülpungen und Auswölbungen zu entfalten, wieder zusammenzufalten, erneut zu falten, Falte auf Falte. So entsteht ein Denken in Umwegen, ein Denken, das die Arbeit des Begriffs als Erforschung des Geschäfts der Draperie betreibt. Mit Leibniz und gegen Descartes entwirft Deleuze eine "Kryptographie", "die die Natur abzählt und zugleich die Seele entziffert, die in den Faltungen der Materie sieht und in den Falten der Seele liest".

          Leibniz stellt sich die Seele als Monade vor, als eine in sich geschlossene Einheit, als ein Haus ohne Türen und Fenster, in dem die äußere Welt nur als innere Vorstellung aktualisiert wird. Die Monade ist Einheit aber nur, "sofern sie eine Mannigfaltigkeit umhüllt, wobei diese Mannigfaltigkeit das Eine nach Art einer ,Reihe' entwickelt". Die Welt wird so zu einer Virtualität, die aktual nur in den Falten der Seele existiert, die sie ausdrückt. Die "Viel-Falt" der Welt erscheint in der Seele in unterschiedlichen Stufen der Klarheit und Deutlichkeit. Nur Gott, keiner Monade, ist die ganze Welt hell erleuchtet präsent.

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