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Rezension: Sachbuch : Die Falten des Geistes

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Der Barock differenziere, so Deleuze, den Begriff der Falte nach zwei Richtungen, "wie wenn das Unendliche zwei Etagen besäße": die Faltungen der Materie und die Falten in der Seele. In den "Neuen Abhandlungen", Leibniz' Versuch einer möglichen Versöhnung seines Denkens mit dem von John Locke, entdeckt Deleuze ein architektonisches Modell, das Bild eines zweigeschossigen Hauses, in dessen unterer Etage die Materie, in dessen oberer die Seele eingeschlossen ist. Eine dunkle Kammer, ein abgeschlossenes Privatzimmer, tapeziert mit einer von Falten untergliederten Leinwand bildet das Obergeschoß. Die untere Etage wird gebildet von einem Gemeinschaftszimmer, das mit einigen kleinen Öffnungen, den fünf Sinnen, versehen ist. Die auf der undurchsichtigen Leinwand der oberen Etage repräsentierten eingeborenen Erkenntnisse aber werden aktiviert durch die Reizungen der Materie. Zwischen den beiden Labyrinthen, zwischen der durch Fenster unterbrochenen unteren und der blinden, verschlossenen Etage darüber, findet eine Kommunikation statt durch eine Art Widerhall, wie in einem "Musiksalon, der die unten sichtbaren Bewegungen in Töne übersetzt."

Realisiert sich das Ereignis der Welt, indem es sich in Gestalt von Faltungen in die Materie einschreibt, so wird es in der Seele lediglich aktualisiert, tritt hier klar und deutlich hervor. Zwischen den beiden Etagen, zwischen Materie und Seele, befindet sich abermals eine Falte. Diese ist aber, wie alle Faltungen, keine reale Trennung, sie markiert nur einen Unterschied, der sich durch weitere Bestimmungen entfalten, nicht aber aufheben läßt. "Was eigentlich barock ist, ist diese Aufteilung zweier Etagen. Man kannte die Unterscheidung zweier Welten in einer platonischen Tradition. Man kannte die Welt mit unzählbaren Etagen, zufolge eines Abstiegs und Aufstiegs, die auf jeder Stufe einer Treppe einander entgegenstehen, einer Treppe, die in der Eminenz des Einen sich verliert und im Ozean des Vielfachen sich auflöst: die Welt als Treppe der neuplatonischen Tradition. Die Welt aber aus nur zwei Etagen, getrennt durch die Falte, welche sich auf beiden Seiten in unterschiedlicher Weise auswirkt, das ist der barocke Beitrag par excellence." Vernünftig werden, das heißt die Etage wechseln.

Deleuze entfaltet also die Leibnizsche Metaphysik, um in ihr ein Sprungbrett zu finden, von dem aus der Absprung zu einer nicht an Einheit orientierten Bestimmung der Mannigfaltigkeit durch ein Denken der Vielfältigkeit möglich wird. Die Faltung wird dabei zu einer Operation oder Konstruktion, die sich auf jeder Ebene, auf jedem Plateau, reproduziert. In einem Interview, das Deleuze nach Erscheinen des Buches in Frankreich gab, sagte er: "Alles faltet sich, entfaltet sich, faltet sich wieder neu bei Leibniz, man nimmt in den Falten wahr, und die Welt ist in jeder Seele gefaltet, die selbst wieder diese oder jene Region der Welt entfaltet, gemäß der Ordnung von Raum und Zeit (Harmonie)."

Deleuze findet also bei Leibniz, was sein eigenes Denken umgetrieben hat: Die Frage nach der Natur des Ereignisses und die Charakterisierung der Philosophie als "Begriffsschöpfung". Wie Leibniz, so fragt auch der Philosoph der Postmoderne nicht mehr, welcher Gegenstand, der gegeben sein könnte, welchem Prinzip entspricht, sondern welches verborgene Prinzip diesem oder jenem Gegenstand entspricht: "Das ist die Hochzeit von Begriff und Singularität", die "Revolution von Leibniz, der Prospero am nächsten kommt, dem manieristischen Helden par excellence".

Gilles Deleuze: "Die Falte". Leibniz und der Barock. Übersetzt von Ulrich Johannes Schneider. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995. 236 S., geb., 48,- DM.

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