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Rezension: Sachbuch : Die Erben der Kritischen Theorie

  • Aktualisiert am

Von Frankfurt nach Hannover

          Bei dem Namen "Hannover" dürfte das Publikum bisher an den Massenmörder Haarmann gedacht haben, es dürfte an Bahlsenkekse gedacht haben, an den Philosophen Theodor Lessing sowie an ein vorzügliches Wilhelm-Busch-Museum. Das soll sich in Zukunft ändern. In diesem Herbst haben die Soziologen und Philosophen Detlev Claussen, Oskar Negt und Michael Werz Heft 1 der Reihe "Hannoversche Schriften" vorgelegt, die sich nach dem Willen der Herausgeber in besonderer Weise der "Kritischen Theorie", deren "kontinuierlicher Produktionsort" die Universität Hannover seit mehr als fünfundzwanzig Jahren sei, widmen sollen. (Detlev Claussen, Oskar Negt und Michael Werz : "Keine Kritische Theorie ohne Amerika". Hannoversche Schriften 1. Verlag Neue Kritik, Frankfurt am Main 1999. 191 S., br., 28.- DM.)

          Wie in den jüngst vorgelegten großen Untersuchungen von Alex Demirovic beim Campus Verlag und Clemens Albrecht und anderen beim Suhrkamp Verlag geht es um das Fortwirken jener Tradition. Während Albrecht und Kollegen die Kritische Theorie in die Geschichte und den Gründungskonsens der alten Bundesrepublik verabschieden, wollen Claussen & Co. die unabgegoltene Dynamik dieses Denkens herausstellen. Thematisch setzt sich das vorliegende Heft unter dem Titel "Keine Kritische Theorie ohne Amerika" mit dem Entstehungskontext des Werks der Emigranten Adorno, Horkheimer und Marcuse im erzwungenen Exil der USA sowie mit der späten Rezeption ihrer Schriften in Deutschland auseinander.

          Dabei wirken die einleitenden Bemerkungen, die Oskar Negt - Mitglied eines Beraterkreises von Bundeskanzler Schröder - zur Problematik philosophischer Schulbildungen und zur "inhaltlichen Entfaltung des Antiinstitutionellen als Institution" macht, ebenso bemüht wie selbstreflexiv. Wissenschaftstheoretische Erwägungen aller Art dürften einem Denken, das eher einem Habitus denn einer geschlossenen theoretischen Konzeption entspricht, kaum gerecht werden. Der "Zeitkern der Wahrheit", den Oskar Negt aufruft und von dem Adorno in der Tat gesprochen hat, wäre eigentlich im Werk dieser Theoretiker selbst zu suchen.

          Stattdessen setzt Negt auf eine - selbstverständlich kritische - Klassik, die es neu sich anzueignen gelte. Dem entspricht ein eher verbittert wirkender Beitrag des kalifornischen Historikers Russell Jacoby, der sich mit der seiner Meinung nach politisch folgenlosen, akademischen Rezeption der Kritischen Theorie in den Vereinigten Staaten nicht abfinden mag und zur Treue gegenüber deren ursprünglichen Intentionen aufruft. Detlev Claussen hingegen gelingt der thematisch entfaltete, überzeugende Nachweis, dass die dortige Erfahrung einer "formierten Welt alternativloser bürgerlicher Gesellschaft" zur Voraussetzung "Kritischer Theorie" wurde, die im künftigen Zeitalter eines global alternativlosen Kapitalismus eine unerwartete Aktualität gewinne, wenn man sich einen scharfen Blick für die historischen Differenzen bewahrt.

          Der Frage nach Entstehung, Aneignung und Bewahrung des Erbes der Frankfurter gehen auch die vorzüglichen Beiträge des Geistesgeschichtlers Martin Jay und des an der Cornell University lehrenden Germanisten Peter Uwe Hohendahl nach. Zumal Hohendahls Beitrag über die "Erbschaft der Kritischen Theorie in Amerika" hat den Rang eines ebenso gründlich recherchierten wie provokativen Handbuchartikels, der das bisweilen verwirrende Wechselspiel von freudomarxistischen Traditionen sowie feministischen, neopragmatistischen und dekonstruktionistischen Perspektiven luzide analysiert.

          Historische Beiträge nehmen in dem Heft einen erheblichen Platz ein. Sei es, dass ein immer wieder lesenswerter, mit dem Thema des Heftes nicht weiter zusammenhängender Beitrag von Horkheimer und Adornos Meisterschüler, dem früh verstorbenen Hans Jürgen Krahl, wiedergegeben wird, sei es, dass wir von Carl E. Schorske über Herbert Marcuses Tätigkeit im amerikanischen Geheimdienst während des Krieges informiert werden, sei es, dass sich die afroamerikanische Historikerin und Bürgerrechtlerin Angela Davis in einem aktuellen Beitrag selbst historisiert.

          Schliesslich können es nur Motive wissenschaftlicher Redlichkeit gewesen sein, die die Herausgeber bewogen haben, einen Aufsatz Marcuses aus dem Jahr 1964 über den "Einfluss der deutschen Emigration auf das amerikanische Geistesleben" wieder abzudrucken. Marcuses Andenken ist damit jedenfalls kein Gefallen getan. Denn dieser Beitrag macht auf ebenso unbarmherzige wie blamable Weise deutlich, dass dieser sonst so solide ausgebildete akademische Philosoph schlichtweg nicht in der Lage war, die Fragen und die systematische Bedeutung der sprachanalytischen Philosophie zu verstehen.

          Die "Kritische Theorie", in Frankfurt heimatlos geworden - jetzt in Hannover? Erbeaneignungen haben stets etwas Prekäres an sich und den Herausgebern scheint der Gedanke, dass man einer Tradition am besten dadurch dient, dass man ihr in der Sache entspricht, sie aber dem Namen nach nicht bemüht, nicht gekommen zu sein. Ob es dieser Sache entspricht, sie in ein Spezialorgan zu bannen, werden die künftigen Hefte der neuen Schriftenreihe erweisen.

          MICHA BRUMLIK

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