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Rezension: Sachbuch : Die deutsche Graecophilie stürzt vom Sockel

  • Aktualisiert am

Abschied vom germanischen Griechentum: Zweihundert Jahre klassische Archäologie

          Eine gelehrte und engagierte Studie nimmt uns, die Deutschen, mit liebevoller Genauigkeit, doch zugleich aus kühler Distanz in den Blick. Ihr Gegenstand ist eines der seit Jahrhunderten liebsten Kinder "deutschen Geistes": die Idealisierung griechischer Kultur, namentlich ihrer als klassisch apostrophierten Kunst. Eine faszinierende Analyse der gesellschaftlichen Verflechtungen von "Archäologie und Philhellenismus in Deutschland von 1750 bis 1970" erwartet den Leser.

          Suzanne L. Marchands brillante Monographie ist nicht das erste Buch, das sich gegen Griechentümelei wendet. Aus aktuellem Anlaß verfaßte 1935 Eliza May Butler unter dem Titel "The Tyranny of Greece over Germany" einen leidenschaftlichen Appell gegen die damalige politische Ästhetisierung griechischer Kunst durch die Nazis und die Verantwortungslosigkeit der mit dem Thema befaßten Wissenschaftler. Doch wohl erst jetzt - nach dem Ende staatlich geförderter Verehrung altgriechischer Kultur - ist ein derart umfassender historischer Rückblick auf Aufstieg und Fall dieses für Wissenschaft und Bildungswesen in Deutschland so folgenschweren Ideengeflechts möglich.

          In Umfang und Anspruch vergleichbare Forschungen fehlen in Deutschland bisher. Anders in Italien, Frankreich, England und vor allem den Vereinigten Staaten, wo während der letzten zwei Jahrzehnte eine Fülle kritischer Forschungen zur deutschen Altertums-, Kunst- und Geistesgeschichte entstand. Die Perspektive einer Frau auf das Thema schließlich macht den Blick frei für mancherlei männliche Wunschziele und Strategien, die bei der Erfindung, dem Erhalt und der Verteidigung klassizistischer deutscher Bildungsmaximen und eines graecophilen Habitus mitgespielt haben. Waren es doch bis vor kurzem durchweg Männer, die in Sachen klassische Bildung das Sagen hatten, während Frauen noch rigider als in anderen Ländern von der deutschen Altertumswissenschaft ausgeschlossen blieben.

          Philhellenische Glaubwürdigkeit

          Sorgfältig abwägend, trägt Suzanne Marchand ihre Argumentation vor. Viele Personen der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte kommen zu Wort. Marchand begreift sie als Akteure in einem größeren Spiel, als beeinflußte und beeinflussende Figuren in intellektuellen und institutionellen Prozessen. Gesellschaftliche Funktionen stehen im Vordergrund gegenüber der Betrachtung einzelner Wissenschaftler und Künstler.

          So werden unterschiedliche und in ihrer Unterschiedlichkeit auch deutlich geschilderte Figuren wie zum Beispiel Arnold Böcklin, Stefan George, Martin Heidegger oder Altertumswissenschaftler wie Theodor Mommsen, Gerhard Rodenwaldt und Ernst Buschor als "kulturelle Interessengruppe zur Wahrung und Verteidigung einer im Schwinden begriffenen Glaubwürdigkeit von Graecophilie" in den Blick genommen. Alle Zweige der Altertumswissenschaften finden Berücksichtigung. Im Zentrum aber steht der Entwurf einer Kulturgeschichte der klassischen Archäologie. Ist sie es doch, die sich in Deutschland am intensivsten, zugleich am wenigsten angefochten und deshalb auch am längsten mit dem Anspruch der kulturellen Einzigartigkeit Altgriechenlands verband.

          Zwei Entwicklungsstränge werden herausgearbeitet: zum einen die inhaltliche Tradierung und dabei gründliche Umwandlung humanistischer Ideen im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, zum andern die Implementierung klassizistischer Griechenverehrung in die Institutionen des Staates.

          Johann Joachim Winckelmann, Gründungsheros der deutschsprachigen Archäologie, hatte mit seiner feurigen, Geist und erotische Sinnlichkeit verbindenden Idealisierung griechischer Plastik die Sehnsüchte vieler Zeitgenossen getroffen. Sein in ganz Europa begeistert aufgenommenes Griechenlandideal wurde als Metapher für Natürlichkeit und Ungezwungenheit verstanden, die es nur in einem Land der Freiheit geben könne. Freiheit im Sinne Winckelmanns bedeutete für Herder, Goethe und Schiller Abkehr von französischer Hofkultur, ebenso aber auch von kirchlicher, namentlich päpstlicher Autorität in öffentlichen Angelegenheiten.

          Die utopisch-politische Seite dieser "Erfindung des Griechentums" wurde bald vergessen, am gründlichsten von den Fachwissenschaftlern, die sich an ihr Tagwerk, die Detailforschungen, machten. Wirksam dagegen blieb Winckelmanns besondere Ästhetisierung griechischer Kunst, ihre Herauslösung aus der im vorausgegangenen Humanismus stets als Einheit begriffenen Antike. Alle "Nicht-Kunst" war nun abgewertet, ebenso alles Vor- und Nachgriechische, besonders aber die römische Kultur. Der später so verhängnisvolle "Sonderweg" deutscher Altertumswissenschaft und Kultur insgesamt hat seine Wurzeln in dieser Ausgrenzung deutscher Graecophilie aus dem Strom europäisch-humanistischer Tradition.

          "Antihöfisch" verband sich mit "antifranzösisch" - besonders während und nach der napoleonischen Besetzung Deutschlands. Und schon bald wurde ein nationalistischer Grundton hörbar. Sollten sich doch Franzosen und Italiener mit Rom befassen, Sache des Deutschen waren nun die Griechen, zu deren einzigartiger Kunst eine zwar unergründliche, aber "wesensmäßige" Sonderverwandtschaft behauptet wurde. "Griechisch" denken und fühlen, griechische Kunst verehren hieß fortan ein "guter", ein staatstreuer Deutscher sein. Graecophilie wurde zum nationalen Erbe erklärt.

          Dieser reduzierte Philhellenismus wurde in die Gründungsideale von Preußens neuen Forschungsuniversitäten und Gymnasien, Museen und Kunstakademien nach 1810 inkorporiert und Generationen von Deutschen oktroyiert. Das unpolitisch-politische Konstrukt barg für Obrigkeit wie Untertanen Vorteile. Der einst utopische Gegenstand war nun auf einen politikfernen Bereich "Kultur" reduziert und damit entschärft. Für die Staatsdiener war dieser Habitus und erst recht die professionelle Beschäftigung mit der Antike Zeichen von Bildung schlechthin und gewährte damit Zugehörigkeit zur sozialen Elite. Zugleich war er aber auch Beweis deutschnationaler und staatstragender Einstellung.

          Die Ehe zwischen griechischer Altertumswissenschaft und Staat war zugleich ein institutionelles Bündnis. Einziger Patron jeglicher Antikenbeschäftigung wurde und blieb in Deutschland bis heute der Staat. Die Produktion extrem spezialisierten und dezidiert nicht anwendbaren Wissens war unter dieser Ägide keineswegs irrelevant, sondern hoch erwünscht. "Interesselose", scheinbar nur auf sich selbst bezogene Wissenschaft korrespondierte mit der Selbstverwaltung akademischer Anstalten und galt, ganz besonders in Zeiten militärischer Rückschläge und politischer Depression, geradezu als einzig unbestreitbarer Garant deutscher Größe. Forschung "als solche" sollte das Prestige Deutschlands als Kulturnation fördern.

          Kaum eine geisteswissenschaftliche Disziplin wurde im deutschen Kaiserreich so gefördert wie die Archäologie. Während im Lauf mühsamer Reformen nach 1870 die Altphilologie an Schulen und Universitäten ihres Primats beraubt und in zähen Kämpfen Stück um Stück zurückgedrängt wurde, trat die Archäologie als eine den ganzen Mittelmeerraum und den Vorderen Orient erobernde "Großwissenschaft" ihren Siegeszug an. Die Kommandostelle dieser "Großarchäologie" war das Deutsche Archäologische Institut (DAI) in Berlin mit seinen Unterkommissionen und seinen Zweigstellen in den Ausgrabungsländern.

          Es hatte keiner Universität und keiner Akademie Rechenschaft abzulegen, sondern war unmittelbar der kaiserlichen Regierung unterstellt. Seine Direktoren haben es durch geschickten Lobbyismus immer wieder vermocht, erstaunliche Summen für ihre Unternehmen lockerzumachen.

          Arbeitsteilung und Subordination waren die Organisationsprinzipien. Nicht Interpretation des Vorhandenen, sondern Ausgrabung und minutiöse Publikation der Funde galt nun als vorrangige Aufgabe. Aus einer idealisierenden und deutenden Wissenschaft wurde eine "Objektwissenschaft", ja eine geradezu objektversessene Disziplin. In ihrer Professionalität und Gründlichkeit waren deutsche Ausgrabungen jener Jahrzehnte unübertroffen. Nicht bloß Skulptur und Kunst im allgemeinen, sondern jeder denkbare Gegenstand wurde als "Monument" anerkannt. Nicht nur sachlich, auch geographisch und zeitlich erweiterte sich der Betrachtungshorizont radikal. Staatlich geförderte eigene Wissenschaftsdisziplinen - teilweise dem DAI unterstellt - widmeten sich den "materiellen Hinterlassenschaften" altorientalischer Kulturen und der byzantinischen Epoche.

          Wie ein riesiges, nach Abteilungen wohl geordnetes Museum breitete sich die Vergangenheit vor den Forschern aus: ein gewaltiges Arsenal von Objekten, die im Zuge des Historizismus zwar nicht als völlig gleichrangig, aber doch als durchweg wertvoll angesehen wurden. Für jede Art von Objekt und für jeden Herkunftsbereich waren besondere Spezialisten zuständig, was eine Fragmentierung von Wissen nach sich zog.

          Objekt-Fixiertheit auf der einen, Spezialisierung auf der anderen Seite erschwerten übergreifendes Denken nicht nur, man bekämpfte sogar jeglichen transkulturellen Vergleich. Anthropologisch arbeitende Forscher wie Georg Friedrich Creuzer, Erwin Rohde und Hermann Usener wurden als Außenseiter verketzert. "Schuster, bleib bei deinem Leisten" war die eine Devise; die andere: "Jede Kultur - bald sollte es heißen ,jedes Volk' und endlich ,jede Rasse' - ist letztlich autochthon, von anderen gänzlich abgegrenzt und mit ihnen nicht verwandt". Nationale und völkische Gegenwartsdefinitionen wurden auf die Vergangenheit appliziert und umgekehrt mittels Archäologie beglaubigt.

          Winckelmann war - vorerst - entthront, das "Sachwissen" enorm vergrößert, die deutsche Altertumswissenschaft als intellektuelle Disziplin aber verarmt. Während anderswo eine Jane Harrison, ein James Frazer, Lewis Henry Morgan und E. B. Tylor mit anthropologisch vergleichenden Studien begannen, blickte die deutsche Archäologie selbstzufrieden auf ihre materiellen Funde und koppelte sich von der internationalen Theorie- und Methodendiskussion ab.

          Der Philhellenismus, den man aus der nüchternen Wissenschaft vertrieben hatte, lebte fort in den Gymnasien und anderen Bildungsanstalten, die nun von der Archäologie mit Anschauungsmaterial - Abgüssen, Karten, Schaubildern, Diapositiven, populären Publikationen und auch mit organisierten Reisen nach Griechenland - versorgt wurden. Auch gab das Establishment des Klassizismus trotz Historismus und Positivismus seinen Grundstandpunkt und Habitus keineswegs auf. Griechenland blieb affektives Epizentrum und staatstragendes Symbol.

          Wilhelminische Großarchäologie

          Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurden der deutschen Aneignungsarchäologie engere Grenzen gesteckt. Auch war mit der Abschaffung des Wilhelminischen Systems die wichtigste Stütze weggebrochen. Und schließlich brandete von liberaler und linker ebenso wie von völkisch-rassistischer Seite Kritik auf. Würden "die Massen" - so sahen es die klassischen Archäologen - ihre geliebte Wissenschaft und sie selbst hinwegfegen und nur noch Prähistorie übriglassen? Wieder besann man sich auf Griechenland und wandte sich in bewährter Manier an den Staat um Hilfe - nun wirklich in reaktionärer Absicht. Und wieder lag es im Interesse des Staates, das Ansehen Deutschlands als Kulturnation auf die erprobte Art zu beweisen und wenigstens "mit den Waffen des Geistes" die Angriffe von außen zurückzuschlagen. Sogar an die Wilhelminische "Großarchäologie" konnte schon bald wieder angeknüpft werden.

          Der mindestens vermeintlich interesselose Wissenschaftsansatz der klassischen Archäologie und ihre Graecophilie haben ein völliges Aufgehen des Fachs in der Ideologie des Nazismus verhindert, krasser Rassismus wie in der Prähistorie konnte sich nicht durchsetzen. Tiefverwurzelte konservative Gesinnung, Begeisterung für das Führerprinzip und ein Denken in völkischen Kategorien machten die Wissenschaft aber sehr wohl empfänglich für den Nationalsozialismus, dessen "Führer" bekanntlich auch ein Philhellene war und in Architektur und Kunst griechisch orientierten Klassizismus förderte.

          Die Geschichte des Fachs nach dem Ende auch dieses Regimes läßt sich leicht erahnen. Wieder schien grundlegender Wandel und Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit kaum notwendig. Von einigen, wenngleich prominenten Ausnahmen abgesehen, betrachtete man sich als im guten Strom gründlicher, politikferner Wissenschaft. Die Studentenrevolution, mit der Marchands Buch endet, hat auf viele Universitätsfächer nachhaltigen Einfluß genommen, die klassische Archäologie aber in ihren Inhalten und Institutionen kaum berührt.

          Die Autorin resümiert die Zeit von 1750 bis 1970. Wo steht die deutsche klassische Archäologie heute? Archäologen - und nun auch zahlreiche Archäologinnen - sind bescheidener geworden. Nationalismus und Rassismus spielen keine Rolle mehr, Graecophilie ist allenfalls ein privates Faible. Ihre Objektgläubigkeit und Theoriefeindlichkeit ebenso wie ihre Abneigung gegen anthropologische und soziologische Ansätze aber hat die deutsche klassische Archäologie nicht verloren, ebensowenig ihren Unwillen, die eigene Wissenschaftsgeschichte als Bestandteil gegenwärtigen Tuns zu sehen. LAMBERT SCHNEIDER

          Suzanne L. Marchand: "Down from Olympus". Archaeology and Philhellenism in Germany, 1750-1970. Princeton University Press, Princeton 1996. 400 S., Abb., geb., 39,50 Dollar.

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