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Rezension: Sachbuch : Die Bilderlust eines Frauenliebhabers

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Philippe Sollers identifiziert sich mit Vivant Denon und erzählt aus einem turbulenten Leben / Von Felicitas von Lovenberg

          8 Min.

          Er hat sie alle becirct: Ludwig XV., Robespierre, Napoleon, Ludwig XVIII., Voltaire, und, noch aus seinem Grab auf dem Père Lachaise heraus, seinen Biographen Philippe Sollers. Dominique Vivant De Non war eben eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Eine Doppelbegabung, sah er selbst sich in erster Linie als Künstler, während die Nachwelt vor allem den Schriftsteller Denon rezipierte. Nebenher war dieser homme de lettre, dem der Beruf des Gesandten ausgedehnte Reisen ermöglichte, auch noch leidenschaftlicher Karikaturist, Kunstsammler, Freund der Frauen und geistreicher Causeur.

          Schon seine Zeitgenossen dürfte das Phänomen Denon immer wieder verblüfft haben mit seiner Fähigkeit, Menschen jeden Alters und beiden Geschlechts allerorts für sich einzunehmen. Doch er war ein diskreter Beobachter, über dessen Privatleben nur wenig bekannt ist. Ein Mann, der selbst nicht politisch motiviert war, doch große politische Umschwünge und ihre Protagonisten aus nächster Nähe erlebte, humanistisch gebildet und voller Wissensdrang - wer könnte sich besser eignen für eine Biographie, die nicht nur den Menschen, sondern auch seine Zeit beleuchtet? Dabei ist Vivant Denon längst kein Unbekannter mehr. Erst im vergangenen Herbst widmete der Louvre seinem Begründer eine große Ausstellung, unter dem Titel "Nur diese Nacht" erschien bei uns vor zwei Jahren die letzte Übersetzung seiner Novelle "Point de lendemain".

          Vielleicht glaubt der französische Schriftsteller und Journalist Philippe Sollers, der ja schon an vieles geglaubt hat (Stalinismus, Marxismus, Maoismus, Katholizismus) mittlerweile auch an Wiedergeburt. Hielte er sich nämlich für die Reinkarnation von Vivant De Non, dem Vielbegabten, würde dies erklären, warum ihm dessen literarische Biographie "Der Kavalier im Louvre" zur Hymne geraten ist. Bereits 1995 erschien Sollers' Buch in Frankreich, als eine von mehreren Recherchen über das Leben Denons. Nun liegt es auf deutsch vor, erschienen im Rahmen des Förderprogramms mit Unterstützung des französischen Außenministeriums: Es ist die erste Biographie, die den Tausendsassa endlich auch in Deutschland ausführlich vorstellt. Denon erweist sich bis heute als hervorragender Botschafter Frankreichs, zumal Sollers, selbst eine französische Persönlichkeit von Rang, ihn pausenlos ins beste Licht rückt. Glaubt man Sollers, so war Vivant Denon eine Art intellektueller James Bond des achtzehnten Jahrhunderts: immer dort, wo etwas los war, bekannt für seinen Wagemut, die Kleidung stets impéccable, immer mit mehreren Frauen auf einmal beschäftigt, immer diskret.

          Als Denon im Jahr 1802 mit dem Erscheinen seines mehrbändigen, reich illustrierten Reiseberichts aus Ägypten berühmt wird, ist er es eigentlich schon längst. Bereits 1776 war seine erotische Erzählung "Point de lendemain" ohne Nennung des Verfassers erschienen: Mit dieser Episode einer éducation sexuelle im Ancien régime wollte er demonstrieren, daß "galante" Literatur gänzlich ohne "anstößige" Worte auskommen kann. Doch nicht nur diese Novelle - die Geschichte eines jungen Mannes, der von einer älteren, verheirateten Frau verführt wird - erregte damals Aufsehen. Auch Denons priapische Zeichnungen machten die Runde unter den Libertins; der Louvre stellte mehr als zwei aufgeklärte Jahrhunderte später nur einen einzigen dieser Kupferstiche aus.

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