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Rezension: Sachbuch : Die Betzenbergpredigt

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Bultmann vor, noch ein Tor: Durch die Tiefe des Raums ein Doppelpaß zwischen Fußball und Theologie

          3 Min.

          Der Ball ist rund, ein Spiel dauert neunzig Minuten, und das nächste Spiel ist immer das schwerste. Für mancherlei geistige Verrenkungen wurden diese Bonmots des Fußballphilosophen Sepp Herberger schon bemüht, der evidente Bezug zur Bergpredigt Jesu ("Sorget nicht für den morgigen Tag; es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe") war bislang aber noch niemandem aufgefallen. Christian Möller, Professor für praktische Theologie an der Universität Heidelberg, hat sich deshalb zusammen mit dem badischen Pfarrer und "theologischen Gelegenheitsarbeiter" Hans-Georg Ulrichs darum bemüht, dem runden Leder einen klerikalen Drall zu geben. Die beiden sportiven Protestanten kommen dabei aus dem Staunen über "wunderliche Wechselwirkungen" zwischen Fußball und Kirche gar nicht mehr heraus. Denn siehe: Es gibt sie zuhauf, die fußballverrückten Pastoren ebenso wie die gläubigen Kicker. Und läßt man einige von ihnen zu Wort kommen, wie es Möller und Ulrichs in ihrem als "ebenso ernsthaft wie heiter" angekündigten Büchlein tun, dann erscheint es dem zunehmend irritierten Leser beinahe so, als seien der profane Fußball und die heilige Kirche längst zu einer Art Unio mystica verschmolzen.

          In einem kurzen historischen Abriß zeigt Ulrichs, daß "die Kirche" und das "Kulturphänomen Fußball" sich einander im Laufe der vergangenen Jahrzehnte zunehmend näher gekommen sind. Unter den Profis macht er "fromme Fußballer" wie den Prediger Bum Kun Cha aus, Rune Bratseth und Wynton Rufer gelten ihm sogar als "Sympathieträger des Christentums auf dem Fußballfeld". Auf kirchlicher Seite zitiert Ulrichs fußballtrunkene Theologen wie Udo Sopp oder Karl-Fritz Daiber. Sopp, ehemaliger Präsident des 1. FC Kaiserslautern, verfällt beim Thema Fußball sogleich in pastorales Schwärmen, denn das "Spiel mit dem Ball transzendiert den Alltag, eröffnet Möglichkeiten zum Anderssein, führt auf die Spuren des Glücks". Der Marburger Professor Daiber stimmt in diesen Gloriagesang ein und gelangt zu der Erkenntnis, daß Fußball keine "rationale Problemlösung", sondern "Hoffnung ausgleichender Gerechtigkeit" und "Momente der Überschreitung in unserer entzauberten Welt" biete.

          Ebenso ernst ist es Christian Möller mit seiner "kleinen Fußball-Liturgie". Ausgerechnet das angestaubte "Aktuelle Sportstudio" vergleicht er mit dem christlichen Gottesdienst: Die Beleuchter und Kameraleute übernehmen beim ZDF die Funktion des Küsters, das obligatorische Interview mit einem Fußballstar gleicht einem Predigtgespräch, und als Diakonieopfer werden Briefmarken zugunsten der Deutschen Sporthilfe feilgeboten. Die allzu platte Synopse kulminiert schließlich in der These, daß die Sonntagsvormittags-Liturgie von dem medialen Samstagabendkult eine Menge lernen könne, "auch wenn ich froh bin, daß es am Sonntag Orgelpfeifen und keine Schiedsrichterpfeife gibt".

          Gutgemeint, aber nur mäßig humorig hinken die fußballgesättigten Beiträge diverser Pastoren daher. Da ist zum Beispiel der Gemeindepfarrer von Kirchheimbolanden, der "Pilgerreisen" auf den "heiligen" Betzenberg unternimmt und im Team der "Pälzer Parrer" mit anderen "durchtrainierten Brüdern der Schwarzkittelzunft" für sozial-karitative Zwecke gegen Knastmannschaften kickt. Wenn schließlich ein Bruchsaler Pfarrvikar in der runden Gestalt des Balles ein "Symbol des Heiligen" erkennt, das von den Fußballspielern die "stete Vervollkommnung ihrer Lebenspraxis" fordert, dann ist der Weg des Laienpredigers Stefan Effenberg auf eine Mönchengladbacher Kanzel schon vorgezeichnet, von wo aus das enfant terrible des deutschen Fußballs lammfromm versicherte: "Sich Zeit zu nehmen für die Kinder, mit ihnen über Probleme und Erlebnisse zu reden, das ist mir wichtiger als alles Geld."

          Gegenüber solcher Besinnungsprosa nimmt sich der Beitrag des 1979 verstorbenen Erlangener Kirchengeschichtlers Joachim Staedtke nachgerade als rhetorisches Feuerwerk aus. In einer mitreißenden Reportage schildert Staedtke ein ökumenisches Spitzenspiel "zwischen der katholischen und evangelischen Theologie aller Zeiten", in dessen Verlauf die katholische Doppelsturmspitze Ignatius von Loyola (Conterreformatio Madrid) und Thomas von Aquin (Scholasticon Paris) auf das von Friedrich Schleiermacher (Idealismus Berlin) gehütete Tor der Protestanten anrennen. Die von Erasmus von Rotterdam umsichtig geleitete Partie endet schließlich unentschieden, nachdem der Spieler Bultmann einen letzten anthropologischen Flachpaß in das "seiende Dasein" geschossen hat.

          Dem Leser bleibt nach dem Genuß einer bisweilen etwas kruden Melange aus pastoraler Strenge und zaghafter Ironie die triviale Erkenntnis, daß es eben Theologen gibt, die sich für Fußball begeistern, und daß es Fußballer gibt, die gläubig sind. Übermäßig "wunderlich" freilich ist das alles nicht. MARKUS JOX

          Christian Möller, Hans-Georg Ulrichs (Hrsg.): "Fußball und Kirche - wunderliche Wechselwirkungen". Verlag Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 1997. 128 S., br., 19,80 DM.

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