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Rezension: Sachbuch : Die abgewiesene Generation

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Zwischen Assimilation und Zionismus: Willy Cohns Erinnerungen an das Breslauer Judentum

          Verlierer sind bessere Historiker als Sieger. Sie sind genötigt, neu nachzudenken, denn die alten Gedanken reichen nicht aus, die neue Lage zu verstehen. Reinhart Koselleck hat das Wechselspiel von Erfahrungsbruch in der Niederlage und historischer Erkenntnis eindrucksvoll analysiert. Sucht man nach Verlierern, findet man in der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts an erster Stelle die Juden. Im Jahrhundert zuvor in einem langen Prozeß der Emanzipation aus dem Ghetto aufgebrochen, suchten sie gegen vielfältige Widerstände die Eingliederung in die entstehende bürgerliche Gesellschaft. Gelockt vom Versprechen der Rechts- und der Chancengleichheit, verweigerten sie sich in der großen Mehrheit doch der Verlockung des Identitätsbruchs: Nur eine kleine Minderheit ließ sich taufen und bemühte sich um die vollständige Assimilation. Die Juden wurden gleichsam zu Staatsbürgern par excellence, da ihnen immer ein wie selbstverständliches Dazugehören abgesprochen wurde.

          Zwar gab es seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts immer wieder antisemitische Wellen und radikale Äußerungen. Doch zumeist vertrauten die Juden auf die Kraft des Rechtsstaats und erfuhren im großen und ganzen dessen Schutz sowohl im Kaiserreich als auch während der Weimarer Republik. Der nationalsozialistische Radau schien daher vielen ein vorübergehendes Phänomen zu sein. Doch zeigte sich schnell, wie illusorisch diese Erwartung war. Will man erfahren, was an bürgerlicher Rechtskultur, an Sicherheiten eines Gemeinwesens bestanden hatte und was innerhalb kürzester Zeit verlorenging - wie in kaum einer anderen Quelle findet man es in den jüdischen Autobiographien.

          Sehr viele sind um den radikalen Bruch des Jahres 1933 herum geschrieben. "Mein Leben in Deutschland vor und nach dem 30. Januar 1933" ist ihr eigentlicher Titel. In Harvard veranstaltete man 1940 sogar ein Preisausschreiben mit diesem Titel und setzte tausend Dollar als Preis aus. Die Manuskripte liegen noch heute in der Widener Library. Karl Löwiths Aufzeichnungen, er blieb ohne Preis, sind veröffentlicht.

          Die Erinnerungen von Willy Cohn sind ebenfalls um diesen Fluchtpunkt herum geschrieben, auch wenn sie nur sein Leben bis 1933 enthalten. Die Erfahrung der Diskriminierung schärfte die Erinnerung. 1888 in Breslau geboren, beschreibt Cohn das Leben in der Stadt und in den jüdischen bürgerlichen Kreisen seiner Herkunft. Sein Vater war Kaufmann. Kaufmann war, nicht nur für Juden, der typische bürgerliche Beruf des neunzehnten Jahrhunderts. Von Goethe über Stifter bis zu Thomas Mann bestimmte diese prototypische bürgerliche Existenz die Romane des vorigen Jahrhunderts. Ebenso klassisch ist Cohns Werdegang zum Bildungsbürger. Nach einem Geschichtsstudium und der Verlockung einer akademischen Laufbahn, der er aus Sekuritätsgründen nicht nachgab, wird er Gymnasiallehrer in Breslau.

          Seine Autobiographie vermittelt viel an Informationen über Breslau und Schlesien, über Interna des lokalen Lebens. Mehr aber noch ermöglicht sie einen Einblick in die Welt des jüdischen Bürgertums. Sowohl die Lebensweise als auch die Gefühlswelt, die kleinen Hoffnungen und Sehnsüchte verzeichnet er. Mal selbstverliebt, mal nüchtern, doch immer akribisch. Er beschreibt seine elterliche Lebensweise in einem "Villenhaushalt". Dort lebten außer den Eltern sechs Kinder und eine Reihe von Dienstboten, zwei Hausmädchen, ein Diener, ein Kindermädchen - nur letzteres stand "mehr auf der Familienseite". Bei Familienfesten engagierte man schließlich noch einen Lohndiener. Diese bürgerliche Welt geriet seit den zwanziger Jahren mehr und mehr aus den Fugen. Die Inflation zerstörte viele Vermögen, die Sicherheiten zerbrachen, sowohl ökonomische als auch rechtliche und politische.

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