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Rezension: Sachbuch : Die Abenteuer des Signore Miller

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Vergnüglich: Roberto Zapperi lüftet Goethes römisches Inkognito

          Über kein Dichterleben wissen wir mehr als über das Goethes. Um so begehrlicher wird die Neugier dort, wo der Dichter die Lebensspuren verwischt oder vernichtet hat, wie es bei seinen Aufzeichnungen von der italienischen Reise der Fall ist. Was er dem Leser davon mitgeteilt hat, ist eine symbolische Gestaltung des Weges zum Selbstsein und zu neuem Weltentwurf. Die Glut der Leidenschaft, die Schiller in Goethes "Römischen Elegien" wahrnahm, bevor er sie sittsam bereinigt in den "Horen" druckte, ist in der "Italienischen Reise" nur zwischen den Zeilen zu erahnen.

          Die Diskrepanz zwischen den Elegien, an denen auch in der zensierten Fassung tugendhafte Zeitgenossen noch Anstoß nahmen, und dem späten Reisetext hat von jeher Spekulationen genährt. Sie gipfelten in der psychoanalytisch begründeten These Kurt R. Eisslers, Goethe habe in Rom mit siebenunddreißig zum ersten Mal sexuelle Erfahrungen gehabt. Das blieb freilich so fragwürdig wie viele andere Versuche, Goethes geheimes Leben in Rom aufzuklären. So stellte sich halb und halb resignativ die Ansicht ein, die "Römischen Elegien" seien nicht weniger als der Reise-Text ästhetisch überformt, seien eher Aneignung einer dichterischen Liebestradition als Verarbeitung von realen Liebeserlebnissen.

          Der römische Gelehrte und Schriftsteller Roberto Zapperi hat sich in seiner in dieser Zeitung vorabgedruckten Ermittlung über diese Ansicht mit guten Gründen hinweggesetzt. Ohne die ästhetische Dimension des Textes zu übergehen, hat er die Lebens- und Liebensspuren der Elegien bis in die Tiefe der Archive verfolgt. Anschaulich (auch mit Faksimiles zeitgenössischer Dokumente versehen) beschreibt er die Auswirkungen des "strengen Incognito", das Goethe unter dem Namen Möller hielt, der von den Italienern gleich in Miller abgewandelt wurde. Der wichtigste Effekt war der Dispens von den Standespflichten des "Ehre empfangen und Ehre geben", mit denen Goethe in Rom seine Zeit nicht vergeuden wollte. So heißt es in einer Elegie, die der Dichter den Weimarer Zeitgenossen vorenthielt: "Ehret wen ihr auch wollt! Nun bin ich endlich geborgen! / Schöne Damen und ihr Herren der feineren Welt, . . . Auch ihr übrigen fahret mit wohl in großen und kleinen / Zirkeln, die ihr mich oft nah der Verzweiflung gebracht."

          Goethes Wandel in Rom kann Zapperi bis hin zu Spiel und Spaß, Essensgewohnheiten, Kneipenbesuchen und den Ausgaben für "donne", Prostituierte, nachgehen. Schwieriger wird es bei den wahren Liebschaften, die jener Dispens von den Pflichten ermöglichten sollte. Lange Zeit ging es damit Zapperi zufolge nicht nach Erwarten. Er bezieht Maler Tischbeins Beschreibung eines Aquarells in der "Eselsgeschichte" auf Goethe: "Auf diesem Schattengebilde habe ich einen meiner Freunde in einem Augenblick seines tiefsten Unmuts dargestellt, so wie er mir's erzählte. Er lebte in der Fremde, wo er kein Herz fand, welches sich befreundet zu dem seinigen neigte." Die Liebesgeschichte, mit der Goethe den "Zweiten römischen Aufenthalt" abrundete, war in Wahrheit nicht so angenehm. Die Idylle mit Maddalena Riggi schlug zweimal in Verdruß um, und Goethe mußte angesichts einer drohenden Eheanbahnung sein Werben einstellen. Übrig blieb die Vermischung von Wirklichkeit und Fiktion in der "Novelle" von der schönen Mailänderin. Nicht viel anders verhielt es sich mit der aus der antiken Liebeslyrik genährten Darstellung der Liebschaft mit der Wirtstochter in der fünfzehnten Elegie. Sie geht auf Goethes Verhältnis mit Constanza Roesler, der Tochter eines deutschen Gastwirts in Rom, zurück. Auch hier blieb es bei Werbungsversuchen. Zapperi kann diese Episode mit einem Brief belegen, der den Goethe-Forschern bisher entgangen war.

          Die neckische Klage der schönen Mailänderin aus der "Italienischen Reise", daß man die italienischen Mädchen nicht schreiben lehre, weil man fürchte, sie würden solche Kenntnisse vor allem für Liebesbriefe nutzen, kam gewiß nicht von ungefähr. Auf einen Brief aber, der zur Auflösung des "Rätsels Faustina", der Frage nach der Identität des römischen Mädchens, das die Elegien inspirierte, beitragen kann, ist Zapperi in Goethes römischem Nachlaß gestoßen, und er hat ihn ingeniös gedeutet. Auch mit diesem Brief haben die Goethe-Forscher bisher nichts anfangen können, da er an Tischbein (Tishen) gerichtet war. Der wahre Adressat war, wie Zapperi plausibel demonstriert, Tischbeins Untermieter Goethe. Es handelt sich "um einen Liebesbrief, aus dem ein echtes, aufrichtiges Gefühl spricht". Die Schreiberin des Briefs war ersichtlich "eine einfache Frau aus dem Volk". Erst in Zapperis Darstellung wird aus einer Fülle von sozialgeschichtlichen Details klar, wie sich Goethes Liebesgeschichte mit Christiane Vulpius in der römichen Erfahrung vorbereitete.

          Vollständig aufklären kann auch diese Lösung das Rätsel nicht, aber an der Realität der Geliebten und der Außerordentlichkeit der Erfahrung einer Liebe jenseits der Konventionen besteht nun kein Zweifel mehr. "O wie machst du mich, Römerin, glücklich. Gedenk ich der Zeiten / Da mich ein graulicher Tag hinten im Norden umfing." Und der Bericht, Goethe habe vierzehn Tage vor der Abreise aus Rom "täglich wie ein Kind geweint", gewinnt an Überzeugungskraft. In diesem spannenden und elegant geschriebenen Kunststück literaturwissenschaftlichen Spürsinns hebt sich die Grenze zwischen wissenschaftlicher und literarischer Darstellung auf. Gelehrter Scharfsinn und Akribie der Recherche sind zugleich Stilmittel einer detektivisch inspirierten, von Ingeborg Walter in brillantes Deutsch gebrachten Erzählung, die auch jenseits der erstaunlichen Ergebnisse Vergnügen bereitet.

          FRIEDMAR APEL.

          Roberto Zapperi: "Das Inkognito. Goethes ganz andere Existenz in Rom". C.H. Beck Verlag, München 1999. 299 S., Abb., geb., 39,90 DM.

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