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Rezension: Sachbuch : Dickbrettbohrer mit hoher Toleranz

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Die Existenz von Lehrbüchern ist nach Thomas Kuhn das sicherste Zeichen, daß eine Wissenschaft den revolutionären Streit der Schulen um tragende Forschungsprogramme und Paradigmen begraben hat und auf den ruhigen Pfad normaler Wissenschaft eingeschwenkt ist. Lehrbücher geben die gesicherte, gegen Kritik immunisierte Lehre, die Dogmen des Faches wieder - bis zur nächsten Revolution.

          Die Existenz von Lehrbüchern ist nach Thomas Kuhn das sicherste Zeichen, daß eine Wissenschaft den revolutionären Streit der Schulen um tragende Forschungsprogramme und Paradigmen begraben hat und auf den ruhigen Pfad normaler Wissenschaft eingeschwenkt ist. Lehrbücher geben die gesicherte, gegen Kritik immunisierte Lehre, die Dogmen des Faches wieder - bis zur nächsten Revolution. Die Soziologie, in der Kuhn weniger bewandert war, sprengt das Schema, denn sie produziert Lehr- und Handbücher am laufenden Band, und doch kommt in ihr der Streit der Paradigmen nicht zum Erliegen. Deshalb glaubte Kuhn, ihr den Wissenschaftsstatus absprechen zu müssen. Die soziologische Gleichzeitigkeit von Grundlagenstreit und Normalwissenschaft könnte aber auch der lebendige Beweis sein, daß es in der Wissenschaft nicht so dogmatisch und grundlagenvergessen zugeht, wie Kuhn geglaubt hatte.

          Das von Hans Joas herausgegebene Lehrbuch der Soziologie ist ein gelungenes Exempel dafür, daß Kritik und Dogma nicht wie zwei Epochen auseinanderfallen müssen. Und es gibt, entgegen Kuhns Annahme, einen Kernbestand empirischen Wissens, der nicht am Paradigma klebt und mit ihm steht und fällt. An seiner Deutung entzünden sich die Kontroversen konkurrierender Theorien und Forschungsprogramme, die dann die Daten im jeweils eigenen Kontext neu interpretieren und arrangieren.

          Joas hat die einzelnen Kapitel des ursprünglich in Amerika von Craig Calhoun edierten Lehrbuchs weitgehend von neuen, zumeist deutschen Autoren teils umarbeiten, teils neu schreiben lassen. Dabei ging es ihm vor allem darum, in den Band, der ursprünglich auf die amerikanische (und asiatische) Gesellschaft zugeschnitten war, das soziologische Wissen um deutsche und europäische Sozialverhältnisse einzuarbeiten. Das kam der globalen Perspektive des Faches ebenso zugute wie dem soziologischen Denken, das - mit Luhmann zu reden - die substantielle "Vernunft des Vernehmens" durch die kommunikative und funktionale "Vernunft des Vergleichs" ersetzen mußte, um sich als Wissenschaft zu konstituieren.

          In der Soziologie ist es üblich, zwei grundlegende Paradigmen zu unterscheiden, ein handlungstheoretisches und ein funktionalistisches oder systemtheoretisches. Hinzu kommen verschiedene Synthesen und - gleichfalls heftig konkurrierende - Subsystembildungen. Um in dieser zerfurchten Theorienlandschaft den "neuesten" und "gesicherten" Stand des "ganzen Faches" zu "repräsentieren", hat Joas fünf theoretische Begriffe (Sozialstruktur, soziales Handeln, Kultur, Macht, funktionale Integration) ausgewählt und sie allen Autoren des Bandes vorgegeben, um zwischen ihnen ihre Sicht der "sozialen Dinge" (Durkheim) - der Kultur, der Sozialisation, der Klassenstruktur, des Geschlechts, der Wirtschaft, des Staats, der globalen Integration et cetera - in theoretischen und empirischen Sätzen auszuspannen. Unschwer ist zu erkennen, daß der Band in der Auswahl der Kategorien, ihrer Explikation durch den Herausgeber und im großen und ganzen auch in der Auswahl der Autoren - durchweg hervorragende Fachvertreter - einem handlungstheoretischen Paradigma folgt. Kritisch anzumerken bleibt, daß kein Kapitel über soziale Evolution zu finden ist.

          Gleichzeitig zeigt die Auswahl der Grundbegriffe und der durchaus verschiedene Gebrauch, den die Autoren von ihnen machen, daß es eine für alle soziologischen Paradigmen, Forschungsprogramme und Schulen grundlegende gesellschaftliche Konstellation gibt, zu der sich alle verhalten müssen, wenn sie ihren Gegenstand nicht verfehlen wollen. Und das ist die aus der Perspektive jedes Paradigmas anders beschriebene Konstellation von "Basis und Überbau" (Marx), "Institution und Bewußtsein" (Durkheim), "Ideen und Interessen" (Weber), "Sozialstruktur und Semantik" (Luhmann), "System und Lebenswelt" (Habermas). Sie garantiert - objektiv - die Einheit des Faches, und sie läßt sich in Lehrbücher fassen, ohne daß der Streit der Paradigmen darüber begraben werden müßte.

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