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Rezension: Sachbuch : Dichters Kinder, frech wie nie

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Armin Strohmeyr über das Leben von Klaus und Erika Mann

          4 Min.

          Als "literarische Zwillinge" angekündigt, treffen sie mit dem Passagierdampfer "Hamburg" im Oktober 1927 in New York ein, um eine Tournee quer durch Amerika zu starten. Fast noch ein Fall von Kinderarbeit. Erika ist mit 21 Jahren gerade volljährig geworden, ihr Bruder Klaus ein Jahr jünger. Ein Foto bei der Ankunft zeigt ein strahlendes Paar im Doppelgänger-Look, die angebissenen Hälften ihres ersten Muffins (oder eines paradiesischen Apfels, wie Armin Strohmeyr assoziiert) in Händen. Das grelle, ein wenig hochstaplerische Auftreten als "literary Mann-Twins" im Sog des berühmten Vaters überrumpelt selbst einen abgebrühten New Yorker Literaturagenten, der sie mit einem erklecklichen Vorschuß unter Vertrag nimmt. Wer wagt, gewinnt - diese Lebensweisheit der Altvordern hieß bei Erika: "Wer nicht telegrafiert, kriegt nichts." Immerhin konnten sie trotz ihres zarten Alters schon auf beträchtliche Publizität in Deutschland verweisen: Erika als Schauspielerin, Klaus als Dramenautor, beide als Mitspieler eines bisexuell aufgeladenen Vierecksverhältnisses mit Gustaf Gründgens und Pamela Wedekind. Als Klaus diese Konstellation 1926 mit den Stücken "Anja und Esther" und "Revue zu Vieren" kaum verschlüsselt und nach dem Motto "Jede(r) spielt sich selbst" auf deutsche Bühnen brachte, war der Skandal perfekt und bald auch das Ende der exogamen Verbindungen erreicht. Nun hatten die Geschwister einander für sich alleine.

          Kein Zweifel, die Wochen in New York und Kalifornien und die anschließende Weltreise waren ihre beste gemeinsame Zeit. Ausgelassen, lasterhaft, verheißungsvoll und vor allem: rasend schnell. Strohmeyrs Porträt der beiden prominentesten Kinder Thomas Manns, in der Reihe der "Lebensläufe zu zweit" erschienen, tut gut daran, dieser Eskapade einen Ehrenplatz einzuräumen. Nur selten bewegten sich beider Lebenskurven so synchron. Stets war es Erika, die aufs Tempo drückte. "Geschwindigkeit ist ihr alles, am liebsten würde sie Autorennen fahren" (was sie bald tat). Auch dazu gibt es ein schnittiges Foto am Volant ihres Wagens, ganz im Stile der "neuen Frau". Kaum mag man sich daneben Vaters morgendliche Spaziergänge mit dem Pudel durch das stille Villenviertel am Münchner Herzogpark vorstellen. Und doch ist Erika später diejenige, die sich restlos in den "Dienst" des väterlichen Werkes stellt. Auch den Nachlaß des Bruders hat sie zu betreuen, nachdem Klaus, von Drogenabhängigkeit und suizidalen Impulsen geschwächt, sich am 21. Mai 1949 in Cannes das Leben nahm.

          So bekannt die Fakten, so wenig überraschend sind die Bewertungen, die Strohmeyr austeilt. Erika ist die Stärkere, Klaus der Abhängige, dessen "Lebenskraft angeknaxt" ist schon in der Adoleszenz, wie ein ablehnendes Gutachten der Internatsleitung von Schloß Salem festhält. Woran das liegen könnte, läßt Strohmeyr offen. Weitgehend folgt er den stilisierten Jugenderinnerungen der Betroffenen, die im Tonfall übertriebener Munterkeit von den Streichen der "Herzogpark-Bande" und von ambitioniertem Theaterspiel berichten.

          Diese "enfants terribles" hatten es schwer, alles fiel ihnen so leicht. Sie sind frühreif, aber werden nicht selbständig. Unversehens "stolpert" Erika in die Ehe mit dem ehrgeizigen Gründgens, während es Klaus nicht gelingt, zur Revanche die gemeinsame Freundin Pamela Wedekind zu heiraten. Als sie vor dem Standesamt erscheinen, schickt der Beamte sie nach Hause mit dem trockenen Bescheid, doch bitte schön nach Erreichen der Volljährigkeit wiederzukommen.

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