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Rezension: Sachbuch : Deutscher Koran

  • Aktualisiert am

Friedrich Rückerts Übersetzung · Von Annemarie Schimmel

          3 Min.

          Eines der größten Hindernisse für den deutschen und allgemein den abendländischen Leser, der versucht, den Islam etwas näher kennenzulernen, ist das Fehlen einer wirklich guten Übersetzung des Korans, die zumindest annähernd einen Eindruck nicht nur vom Inhalt, sondern auch von der Form dieses Buches gibt, das den Muslimen als unerschaffenes Wort Gottes gilt. Der Koran war für Muhammad sein eigentliches Beglaubigungswunder; seine sprachliche Schönheit stellte alles Bisherige in den Schatten. Um die Tragweite dieses Gedankens zu erkennen, muß man sich vergegenwärtigen, wie hoch entwickelt die vorislamische arabische Poesie war. Wenn man aber Prosaübersetzungen in den verschiedensten europäischen Sprachen zur Hand nimmt, fragt man sich oft, worauf die unerhört große, nun seit mehr als 1400 Jahren andauernde Wirkung dieser Sammlung von Offenbarungen beruht, die erstmals im Jahre 1143 in einer lateinischen Übersetzung in Europa bekannt und dann genau 400 Jahre später, 1543, auf Luthers Anregung in Basel durch Bibliander gedruckt wurde.

          In der Einleitung zu der in langjähriger Arbeit von ihm neu herausgegebenen Rückertschen Übertragung des Korans geht Hartmut Bobzin der Geschichte der Übersetzungen nach, die, in sprachlicher Hinsicht, in dieser Übertragung Rückerts gipfeln. Friedrich Rückert (1788-1866), Orientalist und Dichter, dem die deutsche Sprache Tausende von Übersetzungen aus dem Arabischen, Persischen, Sanskrit und vielen anderen Sprachen Asiens und Europas verdankt, in denen Form und Geist der Originale mit geradezu unheimlicher Treue dem Deutschen anverwandelt sind, begann schon früh, sich auch mit dem Koran zu beschäftigen, wenngleich zunächst - 1824 - nur wenige Fragmente veröffentlicht wurden. Eine Ausgabe der im Manuskript vorliegenden Übertragungen wurde 1888 durch den Orientalisten August Müller publiziert. Aber erst jetzt besitzen wir dank Bobzins Arbeit die authentische Rückert-Übersetzung, dank der sich ein deutscher Leser eine gewisse Vorstellung vom Stil des arabischen Originals machen kann.

          Allerdings hat Rückert manchmal Teile der Suren (also Kapitel) oder auch ihm nicht behagende Verse ausgelassen, manchmal auch Verse umgestellt; dies alles wird genau nachgewiesen. Für den frommen Muslim freilich besteht der Koran aus einem dichten Geflecht, in dem Verse und Worte in geheimnisvoller Weise miteinander verbunden sind, so daß für ihn solche Auslassungen nicht akzeptabel sind.

          Rückert hat nicht, wie es sonst in Übersetzungen häufig geschieht, die Worte paraphrasiert oder durch in Klammern gesetzte Erklärungen erweitert, sondern den oft durch seine Kürze schwierigen Stil, die auch manchmal rätselhaften Worte beibehalten, so daß man die Worte Goethes versteht, der wenige Jahre vor Rückerts ersten Übertragungen im West-östlichen Divan schrieb: "Der Stil des Korans ist seinem Inhalt und Zweck gemäß streng, groß, furchtbar, stellenweise wahrhaft erhaben . . ."

          Wer die Rückertsche Übertragung liest, wird aber nicht nur eine angenäherte Vorstellung vom Stil des Originals erhalten, sondern auch verstehen, daß zahlreiche Verse des Buches die verschiedensten Möglichkeiten zur Auslegung bieten - daher sind durch die Jahrhunderte immer neue Kommentare, Superkommentare und Scholien geschrieben worden, in denen sich, wie zunächst Ignaz Goldziher gezeigt hat, die Entwicklung theologischen Denkens und, ganz generell, die verschiedensten Aspekte der islamischen Kultur zeigen. Konnte nicht der Legende nach ein frühislamischer Frommer in einem einzigen Koranvers siebentausend verschiedene Bedeutungen entdecken? In dieser Vielfalt der Bedeutungen des koranischen Wortes liegt auch die große Chance für eine moderne Interpretation: Muhammad Iqbal, der geistige Vater Pakistans, hat, wie andere Modernisten, davon gesprochen, daß die "Welt des Korans" so unendlich sei wie Gott selbst, so daß jede Zeit die für sie notwendigen Weisungen darin finden könne.

          Um dem deutschen Leser das Verständnis der Übersetzung etwas zu erleichtern, hat Wolfdietrich Fischer eine Darstellung der Entwicklung der Offenbarung angefügt, hat die gegen Ende der Übertragung immer spärlicher werdenden Rückertschen Fußnoten zu den einzelnen Kapiteln ergänzt und die notwendigen Erklärungen hinzugefügt; er hat auch ein Glossar wichtiger Begriffe beigesteuert; für all dies werden ihm die Leser sehr dankbar sein.

          Vielleicht hätte noch darauf hingewiesen werden können, daß der Koran wirklich, wie der große französische Orientalist Louis Massignon einmal bemerkte, "der Schlüssel zur Weltanschauung der Muslime" ist. Aus seinen Studien entwickelten sich die verschiedensten Zweige der Wissenschaft, von der Philologie bis zur Astronomie; auf koranische Gestalten und Ausdrücke wird ständig in der Literatur, und zwar nicht nur in der religiösen Tradition, angespielt (wie das ja im Deutschen, vor allem im Protestantismus, auch für die Bibel zutraf); die Mystiker fanden im Koran Hinweise auf die Erziehung und Reinigung des Herzens; die Juristen entwickelten komplizierte Rechtssysteme auf koranischer Basis, und das Verlangen, Gottes Wort so schön wie möglich zu bewahren, führte zur Entwicklung der Kalligraphie und der Kunst der Rezitation.

          Eine wirkliche "Übersetzung" des Korans ist, nach muslimischer Auffassung, unmöglich; man kann sich nur "dem Sinn des Korans" nähern, wie aus vielen Titelparaphrasen in der angelsächsischen Welt hervorgeht. Aber die Rückertsche Übertragung kann als treffliche Einführung in ein Buch gelten, das für Millionen von Gläubigen das Fundament ihres Glaubens bildet. Wir sind den beiden Erlanger Orientalisten dankbar, daß sie diesen Schatz nach mehr als hundert Jahren wieder zugänglich gemacht haben.

          "Der Koran". In der Übersetzung von Friedrich Rückert. Hrsg. von Hartmut Bobzin und mit Anmerkungen von Wolfdietrich Fischer. Ergon Verlag, Würzburg 1995. 608 S., geb., 89,-DM.

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