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Rezension: Sachbuch : Der Wanderzirkus Zukunft ist verschnarcht

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For the benefit of Mr. Schmidt: Mit Wu Wei wird alles gut

          Im Jahre des Heils 1963 ergriff eine neuartige Psychose die Backfische der Welt - Beatlemania. Zweifellos waren die vier britischen Sängerknaben eine immense Bereicherung der Popmusik. Ihre unmündigen Fans, die bei den Konzerten so ohrenbetäubend schreien konnten, waren hingegen nur Banausen, die dem neuesten Trend hinterherrannten. Von einem schweren Fall von Cybermania ist heute zu berichten. Artur P. Schmidt hat ein "lexikon der zukunft", genannt "der wissensnavigator", geschrieben. Auf Seite drei teilt er sich übrigens die Autorschaft mit dem "Blue Planet Team Network". Der Internetauftritt des Network-Teams legt jedoch den Verdacht nahe, dass es sich dabei auch nur um einen Euphemismus für A. P. Schmidt handelt.

          Ein Nachschlagewerk ist keine Briefmarkensammlung, deren Wert sich nicht ändert, wenn sie neben dem Schwarzen Einser minderwertige Stücke enthält. Schon wenige unzuverlässige Einträge in einem Lexikon bewirken, dass man kein Vertrauen zu ihm entwickelt. Dabei muss der Verfasser von allem etwas verstehen, aber dem Rezensenten reicht es, wenn er zehn Prozent nachprüfen kann. Bilden wir uns deshalb ein Urteil anhand einer unsystematischen Auswahl: "1989 wurde durch Bennet und Brassard der erste Quanten-Computer der Welt mittels eines Lasers erprobt." Der naive Leser gewinnt hier den Eindruck, dass es den Quanten-Computer bereits gibt oder in naher Zukunft mit Sicherheit geben wird. Man wundert sich höchstens, dass Microsoft noch nicht das Betriebssystem dafür verkauft. In Wirklichkeit ist so ein Quanten-Computer ein reines Gedankenspiel. Vielleicht wird er irgendwann verfügbar sein, vielleicht wird er aber auch zugrunde gehen wie die kalte Fusion, die Schmidt wohl auch über den Schellenkönig loben würde, wenn Pons und Fleischmann nicht schon damit gescheitert wären. Die Gesetze der Natur sind hart, aber gerecht.

          "Ein wesentliches Merkmal a-systemischen Verhaltens ist Synchronizität, die objektive Aspekte von Mustern und Empfindungen von Symmetrien verbindet." Der Begriff der Synchronizität bezeichnet hier scheinbar ähnliche Phänomene aus so disjunkten Bereichen wie der Psychoanalyse (zufällige Übereinstimmungen bei C. G. Jung) und der Quantenphysik (vage Umschreibungen des Pauli-Prinzips und des Theorems von Bell). "Synchronizität bedeutet somit eine Art Echtzeit-Übertragung von Gedanken, ohne dass entsprechende Signale übertragen würden." "Echtzeit" ist übrigens der Ersatz für die "drei klassischen Zeitformen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft", die im Cyberspace ihren Sinn verlieren. Was lernen wir aus solchen Definitionen? Können wir uns damit die Welt erklären oder wenigstens einen kleinen Teil davon? Erkennen wir jetzt das Walten der Synchronizität im Alltag oder verstehen wir, warum die Synchronizität manchmal versagt und die Gedankenübertragung ausbleibt?

          "Im Taoismus bedeutet Wu Wei Nichthandeln im Sinne von ,Enthaltung eines gegen die Natur gerichteten Handelns' . . . Das Wu-Wei-Prinzip wird deshalb zum elementaren Prinzip der kommenden Wissens-Ökonomie avancieren, da es in den Mittelpunkt lernorientierten Handelns nicht Gewinne, sondern Geschenke stellt." Prognosen sind bekanntlich schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Das kann man am Beispiel so unterschiedlicher Futurologen wie Karl Marx, Adolf Hitler und George Orwell gut studieren. Woher weiß Schmidt denn eigentlich so sicher, dass das Wu-Wei-Prinzip nach jahrtausendjährigem Dornröschenschlaf demnächst ganz plötzlich avancieren wird?

          Schmidts Lexikon ist ein Buch für Gläubige, ein religiöses Werk, das seine frohe Botschaft ohne jeden Zweifel verkündet. Es beschreibt mit unkritischem Wohlwollen alles, was heute cybermäßig "in" ist. Wenn etwas mit Laser, Glasfasern, Wasserstoff oder Silizium-Chips funktioniert, muss es gut und zukunftsträchtig sein: Chaostheorie, virtuelle Realität, neuronale Netze, Roboter auf dem Mars, Magnetschwebebahnen und so weiter und so fort.

          Nur selten werden Gefahren aufgezeigt. Zum Thema Beton erfahren wir nicht viel mehr, als dass man beim Recycling die Brocken mit "Leistungsschallimpulsen" wie einen Blasenstein zerteppern kann. (Ist das eigentlich Zukunftsmusik oder technologische Realität? Bei Schmidt weiß man das nie so genau.) Und was ist mit anderem Wohlstandsmüll wie etwa den Rückständen der Auto-Shredder? Kann man den auch so klinisch rein entsorgen? Die Bedenken der Kritiker der Gentechnik muss man nicht teilen, erwähnen sollte man sie schon.

          Der "wissensnavigator" gehört ins Esoterik-Regal der Buchhandlungen neben die Bachblüten-Ratgeber und die Astrologie-Lehrbücher. Ähnlich wie diese enthält er eine geschlossene Sicht der Welt. Ob diese aber viel mit der Realität zu tun hat, sei dahingestellt. Auch die hartgesottensten Anhänger der Beatles mussten irgendwann erkennen, dass "All You Need Is Love" nicht die ganze Wahrheit war.

          Eine schlichte CD-ROM für Macintosh und andere Computersysteme liegt bei. Mit Netscape (mitgeliefert) kann man, wenn man das will, die gleichen Texte wie im Buch lesen oder den enthaltenen Internet-Links folgen. Unter http://wissensnavigator.europop.net findet man den Inhalt der CD-ROM (und des Buchs) noch einmal. Hier kann man später dann auch nach Aktualisierungen und Erweiterungen Ausschau halten.

          ERNST HORST

          Artur P. Schmidt: "der wissensnavigator". das lexikon der zukunft. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999. 412 S., geb., mit CD-ROM, 49,80 DM.

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