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Rezension: Sachbuch : Der wahre Attila kam aus Westfalen

  • Aktualisiert am

Reinhard Schmoeckel entdeckt in Deutschlands Frühzeit viel Neues, weil er nicht gelesen hat

          "Universitätsprofessoren - soweit sie überhaupt Ritters Thesen aufgegriffen haben - werfen ihm vor, mit unzulässiger Phantasie dubiose Quellen interpretiert zu haben. Es ist richtig: exakte unumstößliche Beweise können weder Ritter noch dieses Buch beibringen. Doch das, was bisher in der deutschen Literatur- und Geschichtswissenschaft zu dem hier interessierenden Thema an Erklärungen und Spekulationen dargeboten wird, beruht ebensowenig auf exakten Beweisen . . ."

          Die gens pessima der Universitätsprofessoren steht also als neidische Kohorte geschlossen gegen die grundstürzenden Erkenntnisse von Heinz Ritter und von Reinhard Schmoeckel, der ihn im vorliegenden Buch mit diesen Worten rühmt. Wenn man als Rezensent das Pech hat, ebenfalls zu dieser vermaledeiten Kohorte zu zählen, tut man sich einigermaßen schwer, ist man doch a priori befangen. Wagen wir es dennoch, die kritische Sonde anzulegen.

          Fängt man damit an, Text und Fußnoten zu vergleichen, so wird man einigermaßen erstaunt feststellen, daß zwar ein beträchtlicher Teil der einschlägigen modernen Literatur zitiert wird, aber die den entsprechenden Werken zugrundeliegenden wissenschaftlichen Ergebnisse sind entweder gar nicht in den Text vorgedrungen oder werden nur negativ-polemisch zitiert. Man hat nicht den Eindruck, daß der Forschungsstand auch nur einigermaßen rezipiert wurde, vielmehr dient er mehr oder weniger nur zur "Garnierung" einer gleichsam "apriorischen" Hauptthese, die offenbar keinem kritischen Kalkül unterliegt. Sie läuft darauf hinaus, daß aufgrund spät überlieferter skandinavischer "Sagenhelden" (sic!) die Vorgeschichte Deutschlands in der Merowingerzeit völlig neu geschrieben werden müsse. Dietrich von Bern hat demnach nichts mit dem Ostgotenkönig Theoderich dem Großen zu tun, sondern war "ein ganz unbekannter Germanenkönig aus dem Rheinland"; der Sagenkönig Attila war nicht der historische Hunnenkönig Attila - sondern ebenfalls ein Germanenkönig in Westfalen hundert Jahre später . . .

          Von dieser und anderen Hypothesen führt ein wundersamer Rösselsprung etwa zu der Behauptung, "daß die Besiedelung Deutschlands westlich des Rheins durch Germanen . . . nicht, wie bisher stets behauptet (und wie dies auch der zitierte Horst Wolfgang Böhme tut), von Osten her in breitem Strom über den Rhein ins Gebiet des Imperium Romanum gekommen ist. Vielmehr waren es Germanen, die vorher als ,Foederaten' unter römischem Befehl den Limes verteidigt hatten, oder sie hatten eben die römischen Provinzen immer wieder angegriffen . . ." Foederaten germanischer Herkunft gab es sicher, soviel hat Schmoeckel dem Buch von Böhme doch entnommen, aber diese Germanen mußten ja irgendwo hergekommen sein. Daß dies in verschiedenen Formen erfolgte - als Foederatensiedlung zum Schutz des Imperiums oder als Invasion oder als Verselbständigung von Germanenvölkern unter römischer Herrschaft -, ist längst Allgemeingut der Wissenschaft.

          Auch in diesem Fall gilt Hermann Heimpels Diktum: "Literaturkenntnis schützt vor Neuentdeckung." Insgesamt stößt man auf eine geradezu erschreckende Unkenntnis dessen, was die vor- und frühgeschichtlichen Schulen von Herbert Jankuhn und Joachim Werner in den letzten Jahrzehnten für die archäologische Erforschung der germanischen Kultur und Sozialverfassung geleistet haben. Jankuhn wird überhaupt nicht zitiert, Werner nur mit einem Aufsatz zur merowingischen Geldgeschichte.

          Im Hinblick auf die Vielzahl neuer Arbeiten zur Germanen-Geschichte ist es schlichtweg absurd, wenn der Verfasser behauptet, für die Erforschung des Germanentums sei "in den letzten fünfzig Jahren wenig getan" worden. Die Arbeiten des von Karl Hauck ins Leben gerufenen Münsteraner Forschungsinstituts für das Frühmittelalter geistern zwar sporadisch durch die Literaturangaben, deren Ergebnisse haben aber keine sichtbaren Spuren in der vorliegenden Publikation hinterlassen, ganz zu schweigen davon, daß sie systematisch rezipiert worden wären. Eigensinniger Dilettantismus ist noch keine Wissenschaft; das gilt für Autoren innerhalb wie außerhalb der Universität. FRIEDRICH PRINZ

          Reinhard Schmoeckel: "Deutsche Sagenhelden und die historische Wirklichkeit". Zwei Jahrhunderte deutscher Frühgeschichte neu gesehen. Georg Olms Verlag, Hildesheim/Zürich/New York 1995. 342 S., Karten, br., 29,80 DM.

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