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Rezension: Sachbuch : Der von Göttern du stammst

  • Aktualisiert am

Richard Faber weiß, wo es mit Goethe endet

          4 Min.

          Herder hatte beim Freund durchaus einen sensiblen Punkt getroffen, als er, über Goethes Namen spottend, an diesen schrieb: "Der von Göttern du stammst, von Goten oder von Kote". Goethe war nämlich zumindest als Künstler von seiner übermenschlichen Auszeichnung überzeugt. Aber nicht so sehr dieses Selbstwertgefühl machte seine Originalität aus, sondern als Einziger hat er es auch geschafft, sein Leben als solch ein Gott zu inszenieren. Goethe ist der deutsche Dichter, der über sein Werk hinaus schon zu Lebzeiten als Person zum Mythos wurde und fleißig an dieser Verklärung arbeitete: angefangen bei der zunächst als Beschränkung der dichterischen Inspiration erlebten Ministerkarriere am Weimarer Hofe über die als Selbstfindung verwertete Flucht nach Italien bis hin zum autobiographischen Absolutismus von Autorschaft in "Dichtung und Wahrheit".

          Goethe hat für diese Konstellation von Poesie und Politik auch eine heroische Leitfigur gefunden, die den tragischen Zwiespalt zwischen Genie und Gönnertum historisch zu verklären vermag: Torquato Tasso, der im achtzehnten Jahrhundert wieder entdeckte Renaissance-Dichter, wird zum mythischen Modell für die Karriere des Künstlers im Zeitalter der höfischen Gesellschaft. Der Autor von "Geruselemme Liberata" hatte in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts eine angesehene Position am Fürstenhofe von Ferrara gewonnen, ehe ihn Wahn und Selbstzweifel zugrunde richteten. Sehr früh schon wurde er vor dem Hintergrund dieses Schicksals gleichsam zum Archetypus des Genies mit seinem melancholischen und zugleich ungezügelt-manischen Charakter, der ihn gerade zum schöpferischen Übermenschen machte.

          Wie Goethe in seiner Verarbeitung des Stoffs aber auch zeigt, gerät dieses auf dem Nährboden feudalistischen Mäzenatentums sich entfaltende Genie zwangsläufig in Konflikt mit den dort gesetzten Grenzen seiner Freiheit. Man hat in Goethes Tasso-Drama ein Selbstbekenntnis lesen wollen. Anders aber als das Renaissance-Vorbild ist Goethe an diesem Konflikt nicht gescheitert, im Gegenteil: Seine in der Geschichte der modernen deutschen Literatur einzigartige Karriere verdankt sich dem geschickten Ausgleich von gesellschaftlicher Pflicht und künstlerischer Neigung, um vom Fürstendichter zum Dichterfürsten zu werden.

          Die Pointen sind bekannt, die Strategien analysiert. Dennoch hat Richard Faber in einer umfangreichen Studie zum "Tasso-Mythos" als "Goethe-Kritik" noch einmal den Stoff dieser Künstlerlegende zusammengetragen, um die Ideologie des Götzen Goethe zu desavouieren. Fabers "Kritik", die nicht zuletzt mit einem hohen moralischen Anspruch auftritt, setzt bei der historischen Hinterfragung der im Tasso-Mythos tradierten Ideologie des Hofkünstlers an, und er endet bei der Desillusionierung der leidensprivilegierten Poesie angesichts der historischen Nähe Weimars zu Buchenwald. Dazwischen wird eine Fülle von Material ausgebreitet, die sich im Wesentlichen auf Dokumente der Biographie Goethes, aber auch auf Deutungen seines Werkes sowie seiner ideologiegeschichtlichen Stellung konzentriert. Im Zentrum der Kritik steht Goethes Ökonomie im doppelten Sinne des Wortes: die Vermarktung der Dichtung nach den wirtschaftlichen Mechanismen seiner Zeit und zugleich die "Entsagung" als Bedingung künstlerischer Kreativität.

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