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Rezension: Sachbuch : Der Urwaldschrei im Altersheim

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Ewig juckt das Agonale: Sport, Sport, und ab und zu ein Mord / Von Hans-Joachim Neubauer

          Die Knie kennen die Wahrheit, besonders das rechte: "Wie von einer spitzen Nadel durchbohrt, fuhr er zusammen. Jeder Gedanke folgte dem fließenden Schmerz, der von der Kniescheibe ausging und sich in Unter- und Oberschenkel ergoß." So stellt Ludwig Harig sich vor, was Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé, erduldet. Die immer noch berühmtesten Knie der Welt stehen für Geld, Glück und die Grenzen des Sports. "Ist das Knie die Basis der Geschäfte?" fragt Harig. Seine Meniskus-Meditation gehört zu den über dreißig Essays und Radiogesprächen, die der Hessische Rundfunk seit dem Sommer dieses Jahres über die Geschichte des Sports ausstrahlt. Unprätentiös, oft gelehrt und manchmal lustig erzählen Journalisten, Wissenschaftler und Schriftsteller über populäre Sportarten und Stars, erklären die Soziologie der Leibesübungen und berichten, wie es die alten Ägypter, Assyrer, Griechen und Römer mit dem "Leder-, Kreide-, Turnermief" (Günter Grass) hielten.

          Äußerster Anlaß von Reihe und Buch ist der fünfzigste Geburtstag des Hessischen Sportbundes - womit schon deutlich wird, was Sport heute ist: Vereinssache. Millionen Deutsche biegen und brechen, ziehen und strecken in Tausenden von Clubs nach dem coubertinolympischen Prinzip des citius-altius-fortius. Mit dem nationalen Turnvater Jahn hat das wenig zu tun! Auch wenn Bugattis aus Italien kommen, die Tour de France auf den Champs-Elysées endet und Skier eben Schnee brauchen: der moderne Sport ist ursprünglich ganz britisch. Schließlich heißt es ja "No sports", "Fair play", "Foul" und "Doping". Auch Sport selbst ist so ein Wort, "ebenso unübersetzbar wie Gentleman", schrieb Fürst Pückler-Muskau 1830 und bürgerte damit das Wort bei uns ein.

          Nur hundert Jahre später schienen die Tugenden der englischen Gentry ziemlich verblaßt: "Wozu noch länger vom Geist des Sportsmanns reden", meinte, schlecht gelaunt, Robert Musil: "Jahrelang haben sich in England Männer vor einem kleinen Kreis von Liebhabern mit der nackten Faust Knochen gebrochen, aber das war so lange kein Sport, bis der Boxhandschuh erfunden worden ist, der es erlaubte, dieses Schauspiel bis auf fünfzehn Runden zu verlängern und dadurch marktfähig zu gestalten." Damit brachte er auf den Punkt, was uns von den Griechen unterscheidet.

          Heute siegt das mediale Prinzip über das, was Jacob Burckhardt als das "Agon" bei den Hellenen so verehrte. Als "globales Dienstleistungsunternehmen" erwirtschaftet der Sport längst schwindelerregende Umsätze. Vor einem Vierteljahrhundert sahen ein paar Millionen am Bildschirm zu, wie Muhammad Ali Joe Frazier verwirrte, 1994 dann guckten sich drei Milliarden Menschen "live" das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft an. Eine Fußballmannschaft dagegen hat nach wie vor elf Spieler, und ein Boxer ist immer allein. Je größer ein Sportler, desto einsamer wirkt er, ganz für sich mit seinen Siegen, Schmerzen und Gelenken - das andere, fittere Ego des ebenso einsamen Zuschauers daheim.

          Ob im Mittelalter, in China oder bei amerikanischen Ureinwohnern - wer sich auf die auch sentimentale Reise durch Geschichten und Geschichte des Sports begibt, versteht bald, wieso die Leibesübungen als "anthropologische Konstante" gelten. Das erwähnte "Agonale" hatten die Griechen nicht erfunden: längst kannten Ägypter und Assyrer Kampfspiele, Jagden und Wettschießen; wer gewann, bekam die Prinzessin. Auch der Brautagon par excellence, Odysseus' Schuß durch die zwölf Äxte, stellte nur einen altägyptischen Rekord ein. Dennoch kennt man, was zum Sport gehört, erst aus dem antiken Olympia: Publikum, Bestechung, Starkult, Unfälle. "Wer hier siegt", rühmt Pindar, "kann das übrige Leben süße Ruhe haben." Auch nach dem Tod: Unsterblicher Ruhm winkte den Superstars im Pentathlon oder im blutigen All- und Faustkampf. Später dann, in Rom, trat auch der Fan auf den Plan. Und mit ihm die Farben: "Sie favorisieren den Dreß, den Dreß lieben sie", berichtet Plinius über einen "day at the races" im hippischen Zirkus.

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