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Rezension: Sachbuch : Der unberechenbare Klang

  • Aktualisiert am

Jürgen Meyer untersucht Akustik und Aufführungspraxis

          3 Min.

          Schon ein einziger Ton löst einen komplizierten Schallvorgang aus. Was man so einfach "Akustik" nennt, ist ein Beziehungsnetz aus einander helfenden, bedingenden, störenden oder ausschließenden Faktoren. Leicht ist es deshalb, sich in Konzertsaal oder Opernhaus über eine zu trockene oder zu hallige Akustik zu beklagen; schwerer, das Zustandekommen des Raumklangs aus unzähligen voneinander abhängigen Komponenten zu durchschauen; fast unmöglich, aus empirischen Daten und Meßgrößen die "idealen" Klangverhältnisse herzustellen. Jürgen Meyer hat sich ein Leben lang mit der komplizierten Materie befaßt: als Akustiker im Meß-Laboratorium und als Test-Dirigent in den verschiedensten Sälen.

          Gerade in den letzten zehn Jahren sind ihm so viele Forschungsergebnisse zugewachsen, daß er sein bereits 1972 erschienenes Buch "Akustik und musikalische Aufführungspraxis" in der dritten Auflage entscheidend überarbeiten, aktualisieren und erweitern konnte. Dies betrifft Klangspektren und Richtcharakteristik von Instrumenten und Stimmen, die akustischen Verhältnisse auf dem Konzertpodium (aus der Perspektive der Musiker oder des Dirigenten), Sitzordnungen im Orchester, die Klangwirkung des Vibratos, die Balance zwischen Sängern und Orchestern im Opernhaus ebenso wie die Darstellung des aktuellen Stands der computergesteuerten Verstärkungstechnik. Auch in der Berücksichtigung von Sälen, die zwischen 1980 und 1993 erbaut wurden, ist das Buch nun aktuell.

          Den Akustiker werden vor allem die minutiösen, durch Graphiken veranschaulichten Meßdaten, Ergebnisse von Experimenten im Laboratorium für musikalische Physik der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, und die stets mitdiskutierte Fachliteratur interessieren. Der Musiker erfährt Genaueres über die akustischen Eigenschaften seines Instruments oder seiner Stimme im Verhältnis zum Raum. Spiel oder Gesang sind in Dynamik, Klangrichtung und -intensität, Artikulation und Vibrato abhängig von den räumlichen Voraussetzungen. Umgekehrt wirkt der Raum auf die Interpretation zurück - der Musiker fühlt sich stimulierend "getragen" oder in seiner Klangentfaltung gehemmt. Der Konzert- und Opernbesucher findet Aufschlußreiches über die Diskrepanzen zwischen seinem eigenen Höreindruck im Saal und den Verhältnissen auf Bühne und Podium.

          Der musikhistorisch Interessierte wird in die Wechselwirkungen von Akustik, Spiel- und Kompositionsweise (mit zahlreichen Notenbeispielen) eingeführt: Joseph Haydn hat für den Saal des Esterházy-Schlosses im burgenländischen Eisenstadt und für die ebenfalls halligen Londoner Säle, etwa im King's Theater, dynamisch und satztechnisch blockhafter und pausendurchsetzter komponiert als für die trockene Kammermusik-Akustik des Esterházy-Schlosses im ungarischen Fertöd, die rhythmisch und satztechnisch diffizilere Feinarbeit zuließ. Die Veränderung des Personalstils ist also nicht allein von der persönlichen Entwicklung beeinflußt.

          Der Stilwandel vom Barock über die Klassik bis zur Romantik wirkte sich auf orchestrale Besetzungsstärken und Saalgrößen aus. Auch die Nachhallzeit in den Sälen veränderte sich im Laufe der Geschichte: War sie in den fünfziger Jahren an der Durchsichtigkeit von Rundfunk-und Schallplattenwiedergaben orientiert und entsprechend trocken, so richtete sie sich von den siebziger Jahren an zunehmend nach den klangästhetischen Erwartungen an reale Konzerterlebnisse - die Nachhallzeiten der seither gebauten Säle sind merklich höher, sie pendeln sich auf etwa zwei Sekunden ein. Meyer untersucht unter diesem Aspekt die wichtigsten Säle in aller Welt, darunter den Wiener Musikvereinssaal, den Münchner Gasteig und die Alte Oper Frankfurt.

          Dabei wird auch der räumliche Gesichtspunkt der "historischen Aufführungspraxis" an den Beispielen historischer Säle erläutert. "Eine Aufführung unter den gleichen Bedingungen wie zur Entstehungszeit" eines Werks ist "meist nicht möglich", resümiert Meyer. "Denn es wäre sicherlich falsch anzunehmen, daß die Komponisten der großen Meisterwerke die akustischen Verhältnisse, unter denen sie ihre Aufführungen erlebt haben, immer als optimal empfunden haben." Den (fiktiven) räumlichen "Originalklang" zu rekonstruieren hieße demnach auch, das utopische Potential in einem Meisterwerk zu unterschätzen.

          Auch das Verhältnis von Raumgröße und -gestalt, Platzkapazität und Bühnen-oder Podiumsform zur aufzuführenden Musik ist entscheidend für das Schallergebnis. "Säle, die größer sind als der Brahms-Saal des Wiener Musikvereinsgebäudes", weiß Meyer, "verlangen von den Spielern eine Intensität, die keinen kammermusikalischen Stil mehr zuläßt." Trotz des dichten Koordinatennetzes an erfahrbaren oder erschließbaren Daten, die Meyer mit der nötigen Nüchternheit und doch anschaulich mitteilt, ist die Akustik eines Saales letztlich im doppelten Sinne unberechenbar. ELLEN KOHLHAAS

          Jürgen Meyer: "Akustik und musikalische Aufführungspraxis". Leitfaden für Akustiker, Tonmeister, Musiker, Instrumentenbauer und Architekten. Verlag Erwin Bochinsky, Frankfurt am Main 1995. 342 S., 240 graphische Abb. und Notenbeispiele, 20 Tabellen, geb., 188,- DM.

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