https://www.faz.net/-gqz-6qjx2

Rezension: Sachbuch : Der Übermensch in Übersee

  • Aktualisiert am

Transatlantische Morgenröte: Friedrich Nietzsches amerikanische Freunde und Feinde / Von Fritz Stern

          8 Min.

          Ein junger Germanist und Philosoph, von Geburt Amerikaner, seinem Studium nach ein Deutscher, versucht sich an einem großen Thema: Wie wurde Nietzsche in Amerika rezipiert? Man erwartet also eine Untersuchung über Wahrnehmung, Deutung und Einfluß. Zuerst: was wurde von wem wann über Nietzsche geschrieben, wie wurde er gedeutet, wen hat er und wie beeinflußt? Steilberg hat enorm viel gelesen. Amerikanische Autoren - sowohl die bekanntesten wie auch die längst vergessenen - werden zitiert und meist kommentiert. Um es gleich zu sagen: Das Buch ist von enger, beinah erschreckender Gründlichkeit und dennoch - oder gerade deswegen - von unbefriedigendem Verständnis.

          Steilberg befaßt sich mit dem Anfangsstadium von Nietzsches Einfluß in Amerika. Bewußt beendet er sein Buch mit dem Erscheinen von Walter Kaufmanns "Nietzsche" im Jahr 1950 und bezeichnet ihn als "Gründungsvater der neueren philosophischen Nietzsche-Rezeption in Amerika". Steilbergs lange Zusammenfassung von Kaufmanns großem Werk ist fair, wenn auch die Angabe, Kaufmann habe den Willen gehabt, "einen salonfähigen Nietzsche zu präsentieren", etwas salopp erscheint.

          Mit Recht betont Steilberg - wie schon andere vor ihm -, daß Nietzsche am Anfang des Jahrhunderts nicht nur in Deutschland, Dänemark und Frankreich bekannt war. Man denkt sofort an England, an George Bernhard Shaw, und Steilberg verweist auch auf vorhergehende Studien über die englische Rezeption von "Neetsch", wie er manchmal genannt wurde. Die ersten Übersetzungen und fremdsprachigen Deutungen stammen aus England. Ein schottischer Privatgelehrter, Alexander Tille, begann mit der Übersetzungsarbeit und sah als Sozialdarwinist in Nietzsche einen Verfechter seiner Ideale. Tilles Arbeit wurde von einem in England lebenden Deutschen, Oscar Levy, fortgesetzt. Zuerst wurden die Spätwerke übersetzt, das heißt "Zarathustra", "Zur Genealogie der Moral" und der "Antichrist". Erst 1909 erschienen viele der früheren Texte, 1911 gab es eine Gesamtausgabe.

          Die Übersetzungen waren zum Teil unbefriedigend und gelegentlich irreführend - im "Zarathustra" wurde die alttestamentarische Sprache noch verstärkt, so daß, wie Steilberg bemerkt, "Nietzsche wiederholt der Vorwurf der Theomanie gemacht wurde". Doch selbst in dieser ungenügenden Form hat Nietzsche in Amerika viel Anklang gefunden: 1925 kam es zu einer zweiten amerikanischen Auflage, und bis dahin hatte der Verlag Macmillan immerhin schon 140000 Exemplare verkauft. Steilberg lobt dagegen Kaufmanns spätere Übertragungen und kündigt zugleich eine völlig neue Gesamtübersetzung der Stanford-University an. Man darf dabei nicht vergessen, daß Nietzsche als Sprach-Künstler, als herausforderndes Genie, ungemein schwer zu übersetzen ist.

          Steilberg behandelt vier Genres der Rezeption: populäre, essayistische, philosophische und literarische. Die Essayistik nimmt beinahe die Hälfte des Buches ein. Ein wirkliches Verständnis für die amerikanische Rezeption hätte allerdings eine - meinetwegen auch nur kurze - Übersicht über das jeweilige amerikanische Geistesmilieu vorausgesetzt: Welche Themen beherrschten das amerikanische Interesse der damaligen Zeit, wie weit war die Öffentlichkeit noch europahörig und dem englischen Geistes- sowie dem deutschen Wissenschaftsleben verpflichtet? So aber bleibt Steilbergs Bühne eher leer, und die Folge der Auftritte von einzelnen Autoren wirkt etwas ermüdend.

          Weitere Themen

          Tortenkunst mal anders Video-Seite öffnen

          „The Bakeking“ : Tortenkunst mal anders

          Eine Schimpansentorte in Lebensgröße - das ist die neue Kreation von Ben Cullen, der als „The Bakeking“ mit seinen Backkreationen begeistert. Auf der „Cake International“ trifft er die besten Tortenkünstler der Welt.

          Die neue M-Klasse

          Soziologie der Schichtung : Die neue M-Klasse

          Die Mosse-Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität widmen sich der Klassentheorie. Den Auftakt machte ein vielgefragter Aufsteiger der Soziologenzunft, Andreas Reckwitz aus Frankfurt an der Oder.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.