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Rezension: Sachbuch : Der Trend zum Ende aller Trends

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In existentieller Zeit: Heinz Bude ruft die Schicksalsgesellschaft aus

          3 Min.

          Soziologen, die sich der Relativität ihrer Begriffe bewußt sind, dürfen heute grundsätzlich mit Wohlwollen rechnen. So berührt es sympathisch, wenn Heinz Bude so etwas unsoziologisch Klingendes wie "Schicksal" als "provokatorische Kategorie" einführt, um wieder die "wirklichen Sorgen und existentiellen Nöte" in den Blick zu bekommen. Bude möchte den Sinn für das Unplanbare, das Nicht-Inszenierte schärfen, das in den sauber konstruierten Systemen der Soziologie verlorenzugehen drohte: "Wer heute noch auf Erlebnissteigerung, Lebensstilverfeinerung und Risikotoleranz setzt, hat die Zeichen der Zeit nicht verstanden." Inzwischen, nach der Wiedervereinigung und durch die Rezession, sei Deutschland in größere Ungewißheit geraten, ja hinter der "latenten Statuspanik" offenbare sich ein "Gefühl ontologischer Unsicherheit". Kurz: "Schicksal ist eine Kategorie der neunziger Jahre", und so besteht der Band, der die These stützen soll, nicht aus theoretischen Analysen, sondern aus 25 von verschiedenen Autoren verfaßten Personen-Portraits.

          Doch damit etwas zum Schicksal wird, bedarf es nicht allein unerwarteter äußerer Ereignisse. Schicksal ist, wie Georg Simmel 1913 dargelegt hat, eine höchst subjektive Kategorie. Sie dient dem einzelnen dazu, das Unerklärliche, das bedrohlich Zufällige, das ihm zustößt, wieder in einen höheren Sinnzusammenhang einzubetten. Insofern ist "Schicksal" ein Ausdruck der menschlichen Assimilationsfähigkeit. Was wie der Inbegriff des Unverfügbaren, dem Menschen Entzogenen aussieht, erweist sich gerade als dessen äußerste Aktivität und Planung: Es "bestimmt zwar das Schicksal das Leben des Individuums", schrieb Simmel, "aber nur weil dieses letztere durch eine gewisse Affinität diejenigen Ereignisse ausgewählt hat, denen es den Sinn, durch den sie sein ,Schicksal' werden, kann zuteil werden lassen".

          Die besten Stücke des Bandes spiegeln dieses Vermögen, dem Lebenslauf mit all seinen Krümmungen nachträglich einen Sinn zu geben. Ein Vorstandsmitglied, dem nach einer unvorsichtigen Äußerung gegenüber dem Aufsichtsrat gekündigt wurde, versteht seine Degradierung mit Hilfe einer Novelle von Bergengruen als Prüfung, in der sich die Wahrheit seines Lebens offenbarte: Er kann so sein Scheitern als moralischen Sieg erleben. Oder die "unpolitischen Erinnerungen einer Neunzigjährigen", die Katharina Rutschky wiedergibt: "Mut und Tatkraft beim Tun des Richtigen und Menschenmöglichen" bilden bei der alten Dame das Erzählmuster, das ihrem Leben zwischen Kaiserreich und Bundesrepublik "immer schon Sinn und Halt gegeben hat".

          Inwiefern aber nun gerade die neunziger Jahre mehr von dieser Kunst der Sinngebung gezeichnet sein sollen als die Zeit davor, wird nicht recht deutlich. Hatten die Menschen es in den Achtzigern nicht nötig, ihrem Leben einen Orientierungsrahmen zu geben, da sie sich von den Ereignissen treiben ließen? Oder hatten sie im Gegenteil einen derart stabilen Lebensplan verinnerlicht, daß kein Ereignis sie ernsthaft berühren konnte?

          Gemeint ist natürlich keine Veränderung des Lebens selbst. Es wird nur ein neuer Trend festgestellt. Der Trend trat an die Stelle der Avantgarde, als sich die Utopien verbraucht hatten, sich keine dauerhafte Überschreitung der Gesellschaft mehr denken ließ. Seither hat das Spiel mit Accessoires und Erkennungszeichen, wie es in den gesellschaftlichen Moden üblich ist, auch deren Analytiker erreicht. Nun ist der Trend zum Schicksal insofern etwas Besonderes, als er alle anderen denkbaren Trends unter sich begräbt: Es ist der Trend zum Ende aller Trends. Das Überflußphänomen der luxurierenden Selbstspiegelungen sei vorbei, behauptet er, der Mensch sei wieder aufs Existentielle verwiesen.

          Bude behandelt das "Schicksal" in einem seltsam unsoziologischen Verständnis als gleichsam primären, urwüchsigen Begriff, mit dem die Wirklichkeit unmittelbar dingfest zu machen wäre. Die soziologische Frage hätte darin bestanden, welche Orientierungsmuster Menschen in welchen Zeiten und Schichten zur Bewältigung welcher Ereignisse verwenden. Doch Bude beläßt es bei der Ausrufung des Trends. Und auch die Porträts vermögen nichts Typisches daran herauszuarbeiten, wie die Menschen heute ihre Biographien zu Schicksalen verarbeiten; viele begnügen sich mit der Chronologie der Ereignisse.

          Am überzeugendsten sind bezeichnenderweise jene beiden Beiträge des Bandes, die der Gesamtthese einer zunehmenden Existentialisierung widersprechen oder sie witzig unterlaufen. Das Porträt einer westdeutschen Provinzstadt nach der Wiedervereinigung zeigt, daß das normale Leben von den historischen Ereignissen kaum berührt wurde: Das System, "eine Art trägen, routinierten Pingpongspiels zwischen Stadträten, Kommunalbehörden, Landesbürokratie, verschiedenen ehrenamtlichen Lobbies aus Wirtschaft, Sport und Kultur", funktioniert in aller Ruhe weiter.

          Und Thomas Kapielski erzählt von einer ereignislosen Zugfahrt von Berlin nach Hannover, die ihm gleichwohl reichlich Gelegenheit gibt zum Ressentiment sowohl gegen die "Ostgoten" als auch gegen die mit Handys fuchtelnden Aktentaschenträger, die in Magdeburg zusteigen ("Und alles auch noch Menschen in meinem Alter. Was kann man sich seine Biographie verhunzen!"). Am Ende ist seine Tasche weg, doch am Magdeburger Hauptbahnhof findet er sie wieder. Große Freude. "Alles wird immer gut", resümiert der Autor. "Frohe Rückreise im ICE mit ,Herrenhäusern' (eine Biersorte), die es doch tatsächlich im Bahnhof von Magdeburg an der Bude billig und im Gebinde zu kaufen gab. Ich war aus dem Gröbsten raus." Es ist eine der wenigen Geschichten des Bandes, die ihre Wert-Kategorien klar benennen, und kann daher mit Fug und Recht als "schicksalhaft" bezeichnet werden. MARK SIEMONS

          Heinz Bude (Hrsg.): "Deutschland spricht". Schicksale der Neunziger. Berlin Verlag, Berlin 1995. 283 S., br., 29,80 DM.

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