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Rezension: Sachbuch : Der Totalprall

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Die türkischen Muslime zerstreiten sich über den Schleier für Frauen

          Kürzlich hat der Islam-Reformer Said al-Aschmawi in seinem Buch "Haqiqat al-Hidschab" (Die Wahrheit über Schleier) an Hand der islamischen Quellen gezeigt, daß keine Pflicht zur Verschleierung der Frauen im Islam bestehe. Die Soziologin Nilüfer Göle, die kein Arabisch liest, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Die zunehmende Verschleierung junger Türkinnen sei eher ein "Ausdruck des Konflikts mit der Moderne als einer Loyalität gegenüber der Religion des Islam".

          Göle will dieses Phänomen "studieren, ohne zu denunzieren". Deshalb wird sie in der Türkei von allen Seiten angefeindet. Einerseits wird ihr die stillschweigende Förderung der schleichenden Islamisierung vorgeworfen. Andererseits hat sie, die einen westlichen Lebensstil pflegt, bei einer öffentlichen Diskussion in Istanbul die Feindschaft der Islamisten auf sich gezogen, für die eine islamische Frau ohne Schleier unvorstellbar ist.

          Als Muslimin, die eine westliche Erziehung genossen hat, kennt Nilüfer Göle die ambivalente Beziehung der Muslime zur westlichen Zivilisation ebensogut wie die westlichen Vorurteile gegenüber dem Islam. Göle greift auf Norbert Elias' "Prozeß der Zivilisation" zurück und zeigt, daß Westler unter Zivilisation vor allem ihre eigene verstünden. Nun kehrt sich dieser Prozeß um, seitdem die islamistischen Bewegungen nicht nur die westliche Hegemonie, sondern auch alle Werte der westlichen Zivilisation zurückweisen.

          Das Interessante an dem Konflikt zwischen dem Islamismus und dem westlichen Zivilisationsideal ist die Tatsache, daß er in der Türkei nicht zwischen dem "Westen" und dem "Islam", sondern innerhalb der islamischen Zivilisation stattfindet. Die Ansichten von Säkularisten und Islamisten prallen ungebremst aufeinander. Göle zeigt nun aber, daß weder der Islamismus noch der von ihm als Emblem vorgeschriebene Schleier einen islamischen Traditionalismus zum Ausdruck bringen, zumal die Mehrheit der Islamisten gerade aus dem modernen Sektor und geprägt durch westliche Bildung hervorgeht.

          Das Buch enthält überhaupt im Rahmen seines Themas noch eine sehr wichtige Analyse zur Neurekrutierung der Eliten in der Türkei. "Zusammen mit der radikalen islamistischen Bewegung entfaltet sich ein neues Profil islamischer Identität parallel zur Bildung neuer islamistischer Eliten." Nach Göle liefert dies "einen Ersatz für die Identifikation der Nation mit der westlichen Zivilisation, mit Europa", weil die "europäische Kultur . . . nicht mehr das Modell für die türkische Gesellschaft ist". Diese Textpassagen werfen die Frage auf, ob die Soziologin mit ihrer Analyse die Gegner des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union unterstützt, die argumentieren, daß die Türkei "nicht zur westlichen Zivilisation" gehöre. Das Buch gibt darauf keine Antwort. BASSAM TIBI

          Nilüfer Göle: "The Forbidden Modern". Civilization and Veiling. University of Michigan Press, Ann Arbor 1997. 173 S., br., 15,95 Dollar.

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