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Rezension: Sachbuch : Der sichtbare Dritte

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Steven Johnsons bester Freund / Von Bernhard Dotzler

          4 Min.

          Die Welt der vergangenen und der kommenden zwanzig Jahre wird eine Welt des PC gewesen sein. Zwar häufen sich die Nachrichten, dass seine Zeit nur noch gestundet sei. Die Haushalte und Büros der nördlichen Erdhalbkugel sollen in Zukunft über eine breite Palette einfacherer Alltagsgeräte mit der einen Großen Maschine namens Internet verbunden sein. Doch würde sich damit nur fortsetzen, was mit dem Personal Computer begann.

          Von Anfang an war der PC auf ein Prinzip des Verschwindens hin angelegt. Er sollte möglichst jeden Schreibtisch mit den Vorteilen der Universalmaschine, die der Computer ist, versehen. Voraussetzung für seinen Erfolg aber war, dass der PC die Universalmaschine in ihm zugleich zur Verfügung stellt und gewissermaßen unsichtbar macht, unter der grafischen Benutzeroberfläche, dem Interface. Mit Recht kann man daher von einer "Interface Culture" sprechen wie Steven Johnson in seinem gleichnamigen Buch. Die Signatur, die das Interface dem Informationszeitalter verleiht, ist die Verwandlung der ungeheuren Datenmengen, die es hervorbringt, in Datenräume, die man visuell inspizieren kann. Mögen es anfangs auch nur schlichteste Piktogramme gewesen sein, so wurde der Computer doch auch durch sie schon begabt, seine Operationen zu verbildlichen. Der Computer, nennt Johnson das, erhielt die "Fähigkeit zur Selbstdarstellung". Er kam also gleichsam - als Medium - zu sich selbst, und er kam dem Benutzer sowohl eigenständiger als auch dienstbarer entgegen. Das grafische Interface erweckt den Eindruck "direkter Manipulierbarkeit". Um eine Datei löschen zu lassen, zieht man einfach ihr Symbol mit der Maus in den Papierkorb und wähnt so, selber derjenige zu sein, der die Datei vernichtet. "Es gibt", schreibt Johnson über die Entwicklung solcher Software, "im modernen Leben nur wenige schöpferische Taten von gleicher Bedeutung wie diese und nur wenige mit so umfassenden gesellschaftlichen Folgen."

          Denn die visuelle Orientierung im Informationsraum - auf Kosten der Sichtbarkeit des Informationsmediums selber - bedeutet historisch einen "durchgreifenden Wandel". Um diesen Wandel zu verdeutlichen, reist Johnson nach dem Muster seines erklärten, doch uneingeholten methodischen Vorbilds Marshall McLuhan quer durch die Kulturgeschichte der letzten zweieinhalb Jahrtausende. Vergleiche mit der antiken Mnemotechnik des "Erinnerungspalasts", mit der Romanwelt eines Charles Dickens oder mit Edisons Erfindung des Fonografen sollen die medientechnische Situation der Zeit klären helfen. Aber schon die kurze Spanne der Geschichte moderner Rechenmaschinen lässt die Macht der grafischen Benutzeroberfläche hervortreten. Statt nämlich als Werkzeug oder "Tool", wie man den Computer zunächst zu begreifen versuchte, scheint sich der medientechnologisch realisierte Informationsraum als "Environment" zu entpuppen.

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