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Rezension: Sachbuch : Der sentimentale Leviathan

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Gerne inszenierte Jean Paul in seinen Romanen eine fiktive Kommunikation zwischen dem Autor und seinen Lesern. Wie solche Begegnungen aber in der Realität abliefen, läßt sich bei Lektüre von Eduard Berends grandioser Sammlung "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen" anschaulich nacherleben.

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          Gerne inszenierte Jean Paul in seinen Romanen eine fiktive Kommunikation zwischen dem Autor und seinen Lesern. Wie solche Begegnungen aber in der Realität abliefen, läßt sich bei Lektüre von Eduard Berends grandioser Sammlung "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen" anschaulich nacherleben. Er sei "ganz wie ein Kind", meinte Tieck über ihn, "man könnte ihm nichts Böses tun, wenn man ihn einmal gesehen hat; er imponiert nicht im mindesten, so daß man gleich mit ihm vertraut wird". Anders als bei Goethe entstand im Fall Jean Pauls schon aufgrund der bescheidenen Lebensverhältnisse und der skurrilen Arbeitsgewohnheiten keine erhabene Aura. Er forderte entweder wärmsten Enthusiasmus oder aber Geringschätzung heraus. "Alle, die ihm nahekommen, von fürstlichen Personen bis zu seinem Kutscher herab, sind von Liebe zu ihm hingerissen und erschöpfen sich in Lobeserhebungen über ihn", staunte Moritz Kornfeld. Wenn er "unter hundert Faseleien ein lichtvolles Wort" sage, sei es schon viel, meinte dagegen Therese Huber.

          Immer wieder kollidiert in den Berichten die mitgebrachte Vorstellung mit der leibhaftigen Wirklichkeit des Dichters: "ziemlich korpulent, rot im Gesicht, bausbackig, mit starkem Unterkinn, in einem alten, abgetragenen grauen Flausrock, dem überall die Knöpfe fehlten, mit herunterrutschenden Strümpfen, die den kahlen Fuß hervorblicken ließen". Die Kraft des Betrachterauges hebt die erdschwere Erscheinung dann jedoch meist in idealische Höhe. Ein paar Sätze aus dem Dichtermund genügen, und der Verehrer findet doch noch einen Jean Paul nach seinen Wünschen. Die Begeisterung erreicht den Höhepunkt, wenn Jean Paul die Unterhaltung durch "Genialität und heitere Laune" würzt: "Man bewunderte, man jauchzte und trank mit stürmischem Beifall und Gläserklang wiederholt des kühnen Dichters Gesundheit; oft mußte er innehalten, um Jubel und Gelächter verbrausen zu lassen." Das ist ein Zeugnis der Heidelberg-Reise 1817. Von Hegel (der lieber Goethe las) und dessen Kollegen wurde ihm kurzerhand ein Ehrendoktor verliehen; die Burschenschaftler feierten den "Leviathan an Witz und Sentimentalität" als großen Dichter und mehr noch als "deutschen Mann", weshalb sie ihn nicht als Jean, sondern "Johann Paul" hochleben ließen.

          Seine "wie in einem Raketenfeuer sich jagenden Witzblitze" bedurften des Zündstoffs. Für produktive Gespanntheit und gehobene Stimmung sorgte der kontinuierliche Alkoholkonsum: "Früh arbeitet er stets bei zwei bis drei Bouteillen Burgunder, bei Tisch trinkt er mäßig, nach Tisch Bier, zwei bis drei Krüge, beim Tee vier bis fünf Tassen, halb Arrak, und abends, was Gott gibt", notierte Therese Huber. Jean Paul gehörte zu jenen Trinkern, die nicht den Exzeß suchen, sondern mittels der Droge ihr störungsanfälliges Gefühlsleben in die eigene regulierende Hand nehmen. Er selber sah den Trunk als Arznei und lebte vor allem wegen des vorzüglichen Bieres in Bayreuth: "Es nährt, stärkt mir die Nerven und macht mich heiter, jedes andere macht mich stumpfsinnig, schwer, benommen. Nur dies ist meiner Gesundheit zuträglich, und da diese mir zu meiner Arbeit unentbehrlich ist, bleibe ich in Bayreuth", erklärte er nicht ohne Logik.

          Eine andere Nervenstärkung war der "animalische Magnetismus", der die Intellektuellen damals so beschäftigte wie hundert Jahre später die Psychoanalyse. Jean Paul ist gespannt auf jeden therapeutischen Bericht; zum Wohl der Mitmenschen praktiziert er den Magnetismus auch selbst und kuriert einen alten Kirchenrat und dessen Magd, "ein durch Tanz und Zugluft krank gewordenes Luder". "Er hat schon viele geheilt", stellt ein Bewunderer fest. Darüber hinaus hat er auch ein Renommee als Meteorologe - sein wetterkündender Laubfrosch steht im großen Zuckerglas auf dem Schreibtisch. Um ihn zu füttern, züchtet Jean Paul Fliegen, die manchen Besucher irritieren, vor allem wenn der empfindsame Dichter ihnen einen freien Flug- und Kriechtag gestattet. Gelegentlich wird auch von zeitgenössischer Literatur gesprochen. Seinem Schüler E. T. A. Hoffmann, der inzwischen mehr gelesen wurde als er selbst, wirft Jean Paul den Ausverkauf romantischer Motive vor; er habe "die Nerven des ästhetischen Geschmacks bis zur völligen Abstumpfung überreizt".

          Nach dem Tod seines einzigen Sohns ist Jean Paul gebrochen. Gerade sechzig Jahre alt, erscheint er vom Greisentum gezeichnet. Seine eigene Krankheit brachte er, der mit hypochondrischer Genauigkeit die kleinsten Veränderungen seiner körperlichen Zustände beobachtete, bei aller Kombinationsfreude offenbar nicht in Zusammenhang mit den Trinkgewohnheiten. Der Todkranke, der in früheren Jahren ein Programm daraus gemacht hatte, die Welt zu beschreiben, ohne viel von ihr erlebt zu haben - er beklagt an einem der letzten Abende, daß er nie das Meer gesehen habe.

          Drei Viertel der Berichte stammen aus den letzten fünfzehn Lebensjahren. Manche entwickeln sich unter der Hand zu Essays, wie Richard Otto Spaziers eindringliches Porträt, das die Sonderbarkeiten und Pedanterien nicht bespöttelt oder als Nebensache abtut, sondern als funktionale Details eines Lebenssystems analysiert. Anknüpfend an Jean Pauls unübertroffene Humortheorie in der "Vorschule der Ästhetik", sieht Spazier, daß auch im Alltag des Autors der Sinn für das kleinste nicht nur neben dem für das größte wohnte, "sondern daß sie beide zusammen, ohne einander zu stören, tätig sein konnten".

          Der Herausgeber Eduard Berend (1883-1973) war ein Gelehrter jüdischer Herkunft, der als Begründer der historisch-kritischen Ausgabe sein ganzes Leben in den Dienst an Jean Paul stellte und dabei oft gestört wurde. Die Inflation zu Beginn der zwanziger Jahre entzog seiner Existenz die materielle Grundlage, die "rassische Unzulänglichkeit", wie er selbst bitter spottete, in den beiden folgenden Jahrzehnten alles Weitere: Anonymisierung, Diffamierung, Haft und Vertreibung zählt Kurt Wölfel im Nachwort als Leidensstationen auf. Berends jetzt zurückgekehrtes Buch, das erstmals 1913, dann in erweiterter Form noch einmal 1956 erschien, bietet einen wunderbaren Zugang zum unzugänglichsten unter den großen deutschen Erzählern.

          WOLFGANG SCHNEIDER

          Eduard Berend (Hrsg.): "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen". Mit einem Nachwort von Kurt Wölfel. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 2001. 506 S., Abb., geb., 49,90 [Euro].

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