https://www.faz.net/-gqz-6qpbl

Rezension: Sachbuch : Der sentimentale Leviathan

  • Aktualisiert am

Eine andere Nervenstärkung war der "animalische Magnetismus", der die Intellektuellen damals so beschäftigte wie hundert Jahre später die Psychoanalyse. Jean Paul ist gespannt auf jeden therapeutischen Bericht; zum Wohl der Mitmenschen praktiziert er den Magnetismus auch selbst und kuriert einen alten Kirchenrat und dessen Magd, "ein durch Tanz und Zugluft krank gewordenes Luder". "Er hat schon viele geheilt", stellt ein Bewunderer fest. Darüber hinaus hat er auch ein Renommee als Meteorologe - sein wetterkündender Laubfrosch steht im großen Zuckerglas auf dem Schreibtisch. Um ihn zu füttern, züchtet Jean Paul Fliegen, die manchen Besucher irritieren, vor allem wenn der empfindsame Dichter ihnen einen freien Flug- und Kriechtag gestattet. Gelegentlich wird auch von zeitgenössischer Literatur gesprochen. Seinem Schüler E. T. A. Hoffmann, der inzwischen mehr gelesen wurde als er selbst, wirft Jean Paul den Ausverkauf romantischer Motive vor; er habe "die Nerven des ästhetischen Geschmacks bis zur völligen Abstumpfung überreizt".

Nach dem Tod seines einzigen Sohns ist Jean Paul gebrochen. Gerade sechzig Jahre alt, erscheint er vom Greisentum gezeichnet. Seine eigene Krankheit brachte er, der mit hypochondrischer Genauigkeit die kleinsten Veränderungen seiner körperlichen Zustände beobachtete, bei aller Kombinationsfreude offenbar nicht in Zusammenhang mit den Trinkgewohnheiten. Der Todkranke, der in früheren Jahren ein Programm daraus gemacht hatte, die Welt zu beschreiben, ohne viel von ihr erlebt zu haben - er beklagt an einem der letzten Abende, daß er nie das Meer gesehen habe.

Drei Viertel der Berichte stammen aus den letzten fünfzehn Lebensjahren. Manche entwickeln sich unter der Hand zu Essays, wie Richard Otto Spaziers eindringliches Porträt, das die Sonderbarkeiten und Pedanterien nicht bespöttelt oder als Nebensache abtut, sondern als funktionale Details eines Lebenssystems analysiert. Anknüpfend an Jean Pauls unübertroffene Humortheorie in der "Vorschule der Ästhetik", sieht Spazier, daß auch im Alltag des Autors der Sinn für das kleinste nicht nur neben dem für das größte wohnte, "sondern daß sie beide zusammen, ohne einander zu stören, tätig sein konnten".

Der Herausgeber Eduard Berend (1883-1973) war ein Gelehrter jüdischer Herkunft, der als Begründer der historisch-kritischen Ausgabe sein ganzes Leben in den Dienst an Jean Paul stellte und dabei oft gestört wurde. Die Inflation zu Beginn der zwanziger Jahre entzog seiner Existenz die materielle Grundlage, die "rassische Unzulänglichkeit", wie er selbst bitter spottete, in den beiden folgenden Jahrzehnten alles Weitere: Anonymisierung, Diffamierung, Haft und Vertreibung zählt Kurt Wölfel im Nachwort als Leidensstationen auf. Berends jetzt zurückgekehrtes Buch, das erstmals 1913, dann in erweiterter Form noch einmal 1956 erschien, bietet einen wunderbaren Zugang zum unzugänglichsten unter den großen deutschen Erzählern.

WOLFGANG SCHNEIDER

Eduard Berend (Hrsg.): "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten der Zeitgenossen". Mit einem Nachwort von Kurt Wölfel. Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Weimar 2001. 506 S., Abb., geb., 49,90 [Euro].

Weitere Themen

Die bessere Hälfte

Roxette-Sängerin Fredriksson : Die bessere Hälfte

Es ist eine seltene musikalische Gabe, heftige Gefühle zu verstärken und gleichzeitig ein wenig über sie hinwegzuhelfen: Zum Tod der begnadeten Marie Fredriksson.

„God bless Birmingham" Video-Seite öffnen

Neues Banksy-Kunstwerk : „God bless Birmingham"

Er hat es wieder getan. Der Streetartkünstler Banksy, dessen genaue Identität unbekannt ist, hat in der britischen Stadt Birmingham ein kurioses Graffito verewigt. Mit einem vorweihnachtlichen Kunstwerk sorgte er so wieder einmal für Schlagzeilen.

Topmeldungen

Bau ohne Nutzen: Nach einem Brückenneubau auf unterschiedlichen Fahrbahnseiten verlegte Straßenbahngleise sind in der Innenstadt von Schwerin zu sehen.

Rechnungshof-Bericht : So verschwenderisch ist der deutsche Staat

Fehlendes Baumanagement, teure Apps, Zulagendschungel – an allen Ecken und Enden geht der Bund mit dem Geld der Steuerzahler sorglos um, schenkt man den Prüfern des Rechnungshofs Glauben.

Menschenrechte in Xinjiang : Pekings alternative Fakten

Mit einer internationalen Medienkampagne begegnet China der Kritik an der Unterdrückung der Uiguren in Xinjiang. Die Veröffentlichungen im Westen haben im Machtapparat offensichtlich Unruhe ausgelöst.

Rechtsstaatlichkeit in Ungarn : Kovacs’ Welt

Ungarns Regierungssprecher Zoltan Kovacs verbreitet Verschwörungstheorien und haltlose Behauptungen. Wie besessen twitterte er nun aus einer vertraulichen EU-Sitzung – und fing sich eine Rüge ein. Seine Tweets lassen tief blicken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.