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Rezension: Sachbuch : Der Schatten der Taube des Dichters

  • Aktualisiert am

Wolfgang Koeppen in Bildern und Maskeraden · Von Karl Markus Michel

          2 Min.

          Am trefflichsten ist das Porträt auf dem Umschlag: die alte Olivetti, sonst nichts. Aber wie sie dasteht - gedrungen, gemütlich fast, und trotzdem gefährlich, wie auf der Lauer. Der Deckel über den Typenhebeln ist nicht ganz geschlossen, er wirkt wie der Oberkiefer eines ausgestopften Reptils, das vielleicht doch zuschnappen wird. Ein Rätselding, ein Hausfetisch. Und gleichwohl ein ganz funktionales Werkzeug. Man weiß, wozu es da ist. Das eingespannte Blatt Papier ist sehr weiß und leer. Deutlicher, bohrender kann für einen Schriftsteller die Mahnung nicht sein.

          Koeppens Quälgeist (später gesellte sich noch ein elektronischer Dämon hinzu, der ihn auch nicht musenmäßig küßte) ist physiognomisch fast so interessant wie Koeppen selbst. Die Porträts von Nomi Baumgartl zeigen beider Senilità. Der erste Komplex von Fotografien (ein Auftrag des "Zeit"-Magazins) führt den Betrachter 1986 in Koeppens Münchner Wohnung in der Widenmayerstraße 45, wo er über dreißig Jahre lebte, bis zu seinem Tod. Er ist achtzig. Der alte Mann und das Meer der Bücher, Zeitungen und leeren Blätter, in dem er fast versinkt. Er scheint das Versinken zu spielen, zu genießen; es macht ihm vermutlich auch Spaß, daß sein Quälgeist für ein paar Stunden durch einen anderen, den Fotoapparat, beherrscht wird.

          Im zweiten Komplex begleitet die Fotografin den Schriftsteller (im Auftrag der "Weltwoche", 1987) auf eine Reise, deren Ziel er selbst bestimmen konnte. Er wählte - natürlich - Venedig. Venedig im Winter. Das von diesen Aufnahmen bediente Venedig-ist-anders-Klischee wird dadurch gemildert, daß sieben der achtzehn Bilder, auf denen Koeppen erscheint, ihn von hinten zeigen. So folgen wir gleichsam seinen Wegen durch die leere Stadt und sehen durch ihn hindurch, was er sah - zum Beispiel den Rialto, über den er in dem damals verfaßten (und in diesem Band abgedruckten) Text "Gestern in Venedig" die hintersinnigen Sätze schrieb: "Rialto, die Treppe des Shylock. Wie sehr Shakespeare, der nie in Venedig gewesen ist, das gesehen hat . . . Ich begegnete Shylock . . ."

          Das Bild, das ihm am meisten entspricht, ist das seines Schattens, auf dem, ganz verwundert, eine Taube steht. Sie begegnete Koeppen, als dieser Shylock traf.

          Im dritten und umfangreichsten Komplex verweilen wir wieder - unhöflich lange, scheint mir - in der Münchner Wohnung. Die Fotografien sind nicht datiert, vermutlich entstanden sie in den frühen neunziger Jahren. Koeppen ist älter geworden. Auch diesmal spielt er uns etwas vor, aber fast mürrisch, präsentiert sich bald als Greis, bald als Clown, als Voyeur oder als Grübler, als Lebemann oder Clochard. Ich kann nicht verhehlen, daß ich beim Betrachten dieser Bilder immer gereizter wurde. Warum bringt eine Fotografin einen berühmten Mann dazu, sich derart zu exhibitionieren? Wer jemals Koeppen in seiner Wohnung oder in einem Café traf, weiß: Was diese indiskreten Fotos zeigen, ist bestenfalls Alberei, die der Subtilität seiner täglichen Maskeraden hohnspricht, schlimmstenfalls aber die inszenierte Verletzung der Privatsphäre und Würde eines alten Menschen.

          Sybille Brantl hat aus drei einschlägigen Büchern Texte von Koeppen ausgewählt, hauptsächlich Selbstzeugnisse, und zwar aus mehr als vierzig Jahren. Sie stehen nun zwischen den Fotos. (Wann werden die Verleger großformatiger Bücher begreifen, daß man nicht jeden Text beliebig aufblasen kann, ohne seinen Inhalt zu verändern? Als Plakattext gedruckt, wird der sublimste Gedanke banal.) So unsinnig eine solche Bekenntnisblütenlese im Falle Koeppens ist - hier erscheint sie doch gerechtfertigt zu sein, weil einige dieser Äußerungen sich gegen die Taktlosigkeit der Bilder verwahren. Zum Beispiel diese: "Bald müßte jeder Schriftsteller einen Schauspieler haben, der ihn spielt, sein der Menge sympathisches Gesicht zeigt . . . Ich habe mich lange dagegen gewehrt, öffentlich aufzutreten . . . Ich sehe mich als Außenseiter, den anderen etwas unheimlich." Das sollte er auch nach seinem Tod bleiben dürfen. Versöhnlich stimmen mich deshalb die Bilder, in denen der Schriftsteller sich durch seine beiden Quälgeister und seine beiden Brillen vertreten läßt.

          "Wolfgang Koeppen: Ich?" Porträts von Nomi Baumgartl. Selbstaussagen, ausgewählt von Sybille Brantl. Bibliothek der Provinz, Weitra 1997. 128 S., 55 Abb., geb., 99,- DM.

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