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Rezension: Sachbuch : Der Saurier von nebenan

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Kreationisten in den Vereinigten Staaten benutzen die Schöpfungsmythen der Bibel dazu, die Evolutionstheorie zu bekämpfen. Volker Arzt geht umgekehrt vor. Er greift alte religiöse Begriffe für eine unterhaltsame Zeitreise in die Frühgeschichte der Evolution auf. In zweiter, reflektierter Naivität erzählt ...

          Kreationisten in den Vereinigten Staaten benutzen die Schöpfungsmythen der Bibel dazu, die Evolutionstheorie zu bekämpfen. Volker Arzt geht umgekehrt vor. Er greift alte religiöse Begriffe für eine unterhaltsame Zeitreise in die Frühgeschichte der Evolution auf. In zweiter, reflektierter Naivität erzählt er von "Fortschrittswundern", "Geheimnissen" und "Gottes Probeentwürfen" in der creatio continua des Lebens. Als Reisegefährt für die Gedankenflüge in ferne Vergangenheiten dient eine Montgolfiere, ein Heißluftballon des späten achtzehnten Jahrhunderts, der teils Überblicke aus hoher Distanz, teils dichte Beschreibungen nach sanften Landungen erlaubt. Diese Montgolfiere läßt sich gar in eine Art Unterseeballon verwandeln, so daß sie für Tauchexpeditionen eingesetzt werden kann. Unter kundiger Führung kluger Gelehrter werden Orte auf dem Territorium der Bundesrepublik angesteuert, die in weit entfernten archaischen Zeiten Meere, Salzwüsten, Landmassen oder Urwälder waren. Die Reise ist gut organisiert. Beim Höhenflug dürfte manchem Reisenden aber schwindlig werden. Denn der Reiseleiter schlägt ein hohes Tempo an. Unendlich lang erscheinende Zeiträume werden im schnellen Flug durchmessen.

          Volker Arzt, bekannt durch zahlreiche TV-Filme aus dem Reich der Tiere, verbindet die Ausflüge ins Kambrium, Devon oder Karbon geschickt mit Besuchen bei Wissenschaftlern, die sich mit den Naturkatastrophen der Vergangenheit beschäftigen. Neben der faszinierenden Frühgeschichte der Natur wird zugleich die spannende Historie der modernen Entdeckungen der Anfänge des Lebens präsentiert. Die Forscher breiten die Relikte der Vergangenheit aus, erläutern Fossilien und lesen die Spuren, die Dinosaurier oder gigantische Vögel hinterlassen haben. Biologen, Paläontologen und Geologen erläutern ihre begrifflichen Ordnungssysteme und nehmen uns bei ihren Feldforschungen mit in alte Tunnel, Höhlen und Bergbaugruben. In Steinbrüchen zeigen sie die unvorstellbar reichen Zeugnisse vergangenen Lebens: Riesensalamander, die vor 25 Millionen Jahren lebten, den Archaeopteryx auf der Solnhofer Platte, die Saurierspuren in Barkhausen im östlichen Teil des Weser-Wiehengebirges. Natürlich gehen wir auch in naturkundliche Museen, wo Biolehrer gelangweilten Schülern die in den Glasvitrinen des neunzehnten Jahrhunderts aufbewahrten Schätze erläutern. Höhepunkte der Reise bilden die Besuche bei Forschern wie Professor Jörg Schneider von der Technischen Universität Freiberg in Sachsen. "Der Schreibtisch wurde überlagert von mehreren Schichten aus Büchern und Manuskripten; die Sitzgelegenheiten waren nur Gelegenheiten, weitere Papierstapel abzusetzen; der Fußboden diente als Testgelände für neue Abgußverfahren von Fossilien; auf dem Tisch entfaltete sich eine wilde Landschaft aus Versteinerungen, jede mit einem Zettel versehen, auf dem Fundort, Datum, Zuordnung und so weiter vermerkt waren. (. . .) Kurzum: Schneiders Büro war weniger ein Raum als vielmehr eine ganze Welt - eine Welt, in der die Gegenwart mit den Jahrmillionen der Vergangenheit eine hinreißende Symbiose eingegangen war."

          Geschickt hält Arzt das Wissen darum präsent, daß es neugierige, die Welt mit offenen Augen betrachtende Menschen und hart arbeitende Forscher waren, die uns die Ur- und Frühzeiten des Lebens erschlossen. Der Autor schreibt anschaulich, erläutert umsichtig Fremdwörter und findet viele gelungene Beispiele für die wundersamen Entwicklungspfade des Lebens. Kompliziertes wird auf klare Grundstrukturen reduziert. Dabei tappt Arzt weder in die Dogmatismus-Falle, Forschungshypothesen für die Sache selbst zu nehmen. Noch überspielt er die Grenzen unseres Wissenkönnens. In den vielen offenen Streitfragen zu den Katastrophen der Frühgeschichte wägt er behutsam konkurrierende Deutungsangebote ab. Die Urteilsbildung wird dem jugendlichen Leser überlassen. Ihm helfen dabei Karten und Zeichnungen. Die Entdeckungsreise beginnt im Kambrium, vor 540 Millionen Jahren. Sie scheint in der Spätphase der Erdneuzeit, 33 000 Jahre vor unserer Zeitrechnung, zu enden, wo wir Jägern und Sammlern vor der Vogelherdhöhle auf der Schwäbischen Alb beim Kochen zuschauen. Aber der Pilot hat noch etwas Gas in der Flasche und dreht deshalb kurz in die andere Richtung, in die Zukunft.

          Weiterhin werden sich die Dramen des Lebens auf unserem Planeten vor Kulissen abspielen, die von der Glutschmelze unter unseren wandernden Kontinenten hin und her bewegt werden. Menschen wird es eines Tages nicht mehr geben. So schlägt Arzt erneut den religiösen Grundton an, mit dem die Reise begann. Jeder muß lernen, die Vergänglichkeit seines Lebens in Reflexion und bewußter Lebensführung anzunehmen. "Wir haben nur dieses eine Leben. Machen wir was draus!" lautet die religiös reflektierte Einsicht in die eigene Endlichkeit. Analoges gilt für die Menschheit insgesamt. Sie muß ihre Existenz als winzige, vergängliche Etappe in der Evolution des Lebens deuten lernen. "Machen wir etwas aus der Welt, solange sie uns hat!"

          FRIEDRICH WILHELM GRAF

          Volker Arzt: "Als Deutschland am Äquator lag". Eine Reise in die Urgeschichte. Rowohlt Verlag, Berlin 2001. 220 S., geb., 19,90 . Von 14 Jahren an.

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