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Rezension: Sachbuch : Der Papst, der die Frauen liebte

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Roberto Zapperi entblößt den wahren Renaissancemenschen / Von Patrick Bahners

          12 Min.

          Eine der vier Wände der Stanza della Segnatura im Vatikan ist der Gerechtigkeit gewidmet. Zwei Fresken zeigen große Momente aus der Geschichte der Gesetzgebung: Kaiser Justinian übergibt die Pandekten an Tribonian, und Papst Gregor IX. übergibt die Dekretalen an Raimund von Peñafort. Als oberster Richter der Christenheit unterhält der Papst ein inniges Verhältnis zur Gerechtigkeit. In ihr kommen der geistliche Beruf des höchsten Bischofs und die weltliche Pflicht des Herrn über den Kirchenstaat zusammen, die Sorge um das Rechte und die Pflege des Rechts. Unter den weltlichen Tugenden ist die Gerechtigkeit nach platonischer Lehre die höchste, weil sie die anderen in sich vereinigt: Stärke, Weisheit und Mäßigung, die Raffael über den rechtshistorischen Szenen gemalt hat. Eine allegorische Figur der Justitia war auf der Wand nicht erforderlich. Die Gerechtigkeit wurde in Rechtsakten sichtbar.

          Die Stanza della Segnatura trägt ihren Namen von den Unterschriften, die der Papst dort vollzog. Wer aus der Hand von Raffaels Auftraggeber Julius II. eine Urkunde entgegennahm, sah hinter dem Papst jenen Akt, der den Akt im Vordergrund duplizierte und legitimierte: die Autorisierung der Sammlung jenes Kirchenrechts, das die Päpste als verbindlich anerkannten. Gregor IX. erhebt die rechte Hand zu einem Segen, den die Betrachter auf sich beziehen durften. Vollkommen wurde die Verdopplung dadurch, daß der Pontifex des dreizehnten Jahrhunderts die schlauen Züge des weißbärtigen Julius trägt. Trat durch diesen Zeitsprung das Individuum aus der Rolle hervor? Usurpierte der herrische della Rovere, der die von den Vorgängern gesetzten Präzedenzien als Fesseln empfinden mochte, den Stuhl des Gesetzgebers? Oder wurde umgekehrt anschaulich, daß es auf die individuelle Physiognomie nicht ankam, daß in dem Papst, vor den der Rechtsuchende trat, alle Nachfolger Petri gegenwärtig waren?

          Wenn der Papst Recht spricht, ist er nicht allein. Um den Thron Gregors IX. steht eine Gruppe von Kardinälen, die Raffael ebenfalls als Porträts ausgeführt hat. Die Ehrenplätze nehmen zwei spätere Päpste ein, Giovanni de' Medici, der 1513, zwei Jahre nach der Fertigstellung des Freskos, als Leo X. Julius' Nachfolge antrat, und Alessandro Farnese, der von 1534 bis 1549 als Paul III. regierte. Ein langes Pontifikat war dem Farnese vergönnt, die Krönung eines langen Lebens. 1468 geboren, war er schon mit fünfundzwanzig Jahren zum Kardinal erhoben worden. Als er ahnte, daß sich der Lauf seines Erdendaseins der Vollendung näherte, gab er dem Bildhauer Guglielmo della Porta den Auftrag, sein Grabmal zu bauen. Er wollte dabei auch seine Liebe zu jener Tugend verewigt sehen, deren Übung er schon 1511 auf Raffaels Bild assistiert hatte, als er noch nicht einmal zum Priester geweiht worden war. Welche weniger verfängliche Zierde konnte es für die Ruhestätte eines Kirchenfürsten geben, der sich stark, weise und maßvoll gezeigt hatte, als eine Allegorie der Gerechtigkeit? Dennoch stürzte der Papst durch die Statue der Justitia, die er nicht mehr zu Gesicht bekam, seine Verwandten, deren Zukunft seine rastlose Sorge gegolten hatte, in Schwierigkeiten, die sie jahrzehntelang umtreiben sollten.

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