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Rezension: Sachbuch : Der Papst, der die Frauen liebte

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Das erzählerische Potential des Stoffes erkannte Stendhal, den das Grabmal faszinierte. Fabrizio Del Dongo, der Held der "Kartause von Parma", ist Alessandro Farnese nachgebildet. Wie Fabrizio aus der Zitadelle der Farnesestadt Parma ausbricht, so hatte sich Alessandro, von Innozenz VIII. in der Engelsburg gefangengesetzt, mit einem Seil in die Freiheit hinabgelassen. Balzac überzeugte das Ende des Romans nicht, die Bekehrung des Helden. Zapperi möchte wissen, daß sich Fabrizios Vorbild in Wahrheit nie vom humanistischen Heidentum seiner Jugend abkehrte. Er lobt Ranke, der Paul III. als "Weltkind" schilderte, als genialen Realpolitiker, der an die Dogmen, denen er wieder Geltung verschaffte, nicht glauben mußte. Wo aber Papst Pauls Glück und Ende für Ranke die Lektion bebilderte, daß der mächtigste Sterbliche gegen die Weltgeschichte nichts ausrichtet, da bewundert Zapperi das souveräne Individuum, das gegenüber Orthodoxie und Moral seine Freiheit bewahrte. Die Größten der Renaissance sagten mit Alberti: "Die Menschen können von sich aus alles, sobald sie wollen." Dieses Könnens-Bewußtsein erfüllte auch Alessandro Farnese, der 1504 in einem Brief schrieb: "Ich bin fähig, alles zu finden, und ich mache die Dinge."

Durch die Versetzung des Grabmals in eine Nische ist der Rücken des Mantels, dessen Reliefprogramm wohl noch auf den Willen des Papstes zurückgeht, für den Betrachter unsichtbar. Er zeigt die Wandlung des Saulus zum Paulus. Lange bevor Clemens VIII. die Gerechtigkeit zu verhüllen befahl, hatte Alessandro Farnese, der erst als dritter Papst den Namen des Paulus annahm, schon seine eigene Blöße bedeckt.

Roberto Zapperi: "Die vier Frauen des Papstes". Das Leben Pauls III. zwischen Legende und Zensur. Aus dem Italienischen von Ingeborg Walter. Verlag C. H. Beck, München 1997. 172 S., 12 Abb., geb., 38,- DM.

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