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Rezension: Sachbuch : Der Papst, der die Frauen liebte

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So erweist Zapperi auch die Wahrheit der Legende vom Künstler. Als man erzählte, die Justitia sei ein Porträt der Julia Farnese, verbreitete sich auch die Sage, ein Spanier habe sich so lebhaft in die Statue verliebt, daß er sich nachts im Petersdom habe einschließen lassen, um dem Marmorbild beizuwohnen. Dieselbe Geschichte überliefert der ältere Plinius von der Venus des Praxiteles im Tempel von Knidos. Als höchste Meisterschaft des Künstlers erscheint in dieser Legende eine Nachahmung des Lebens, die das Leben übertrifft. So hat Guglielmo della Porta das Sinnbild der Kräfte, die das Leben Pauls III. beherrschten, zu handgreiflicher Anschaulichkeit gesteigert. Burckhardt, im Bann Winckelmanns, tadelte im "Cicerone" die den Panzer des Decorum sprengende Lebendigkeit als "lüstern und absichtlich". Hatte die Überschreitung der Grenze von Kunst und Leben auch in der Absicht des Auftraggebers gelegen?

Das Werk brach mit mancher Regel, die für die Ruhestätten der Petrusnachfolger gegolten hatte. Im Kranz weltlicher Tugenden zeigte sich Paul, ohne die Hoheitssymbole seines Amtes; die spätere Umdeutung der Gerechtigkeit zur Religion hätte er nicht gebilligt. Ursprünglich hatte das Monument als Freigrab an zentralem Ort aufgestellt werden sollen; alle Pilger hätten es passieren müssen. Sie sollten auch eine Inschrift lesen, die bei der Umwandlung in ein Nischengrab entfernt wurde. In der ersten Person Singular sprach der Tote zu den Sterblichen, führte ihnen an seinem eigenen Leib die Vergänglichkeit irdischer Größe vor. Ein frommer Spruch? Mit gutem Willen konnte man von der Hoffnung auf das Jenseits lesen, doch das Gedicht ließ auch eine ganz andere Deutung zu. "Über mein Grab sollen keine Tränen vergossen werden. Ich habe den Lauf der Natur durchmessen, der Tod ist ein neues Leben gewesen." Das Leben erscheint hier als Kreislauf, das Sterben als Wiedereintritt in die Einheit mit der Natur. Am unteren Rand der Namenskartusche sitzt noch heute ein geflügelter Kopf mit gewaltigen Zähnen: die alles verschlingende Zeit. Das Zirkuläre der Naturzeit hätten vier Statuen der Jahreszeiten verdeutlichen sollen, die nach dem Tod des Papstes aus dem Programm gestrichen wurden, weil sie "weder kirchliche noch moralische Dinge" darstellten.

Eine Naturmetaphysik, die keinen Gott und keine Moral zuließ, war in der Renaissance mit dem Namen Epikurs verbunden. Paul III. wurde von den Protestanten in der Tat als Epikureer geschmäht, am lautesten von Luther. Nach Zapperi traf das Schimpfwort den Zusammenhang von Weltanschauung und Lebensführung. Er wagt die Spekulation, der Farnese habe es sich womöglich im Ernst herausnehmen wollen, im Kreis der Frauen, die er liebte, seinen Einzug in Sankt Peter zu halten. Aus den Dokumenten wird sich diese These nie beweisen lassen. Wie schon in Zapperis Studie über Tizians unvollendetes Porträt Pauls III. und seiner Enkel besteht der Reiz der Vermutungen darin, daß das indirekte Verfahren des Indizienbeweises eine suggestive Unbestimmtheit erzeugt, die dem unausdeutbaren Meisterwerk gemäß ist. Zuletzt spricht für die Vermutung, Paul III. habe die Legende sozusagen selbst gestreut, daß sein Lebensroman den schönsten Abschluß erhielte.

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