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Rezension: Sachbuch : Der Papst, der die Frauen liebte

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Fest steht, daß Clemens VIII. mit seinem Verpackungsbefehl die unzüchtigen Gedanken nur gereizt hat. Unter dem kalten Metallpanzer vermutete man erst recht die bebende Passion eines glühenden Leibes. Im Laufe des siebzehnten Jahrhunderts setzte sich jene Identifikation der Justitia durch, die für die Kirche und für die Farnese am peinlichsten sein mußte. Mit dem Mantel des Schweigens hatte die Familie die Episode bedeckt, der sie den Zutritt zu den geheimsten Gemächern des päpstlichen Hofes verdankte. Diese Diskretion wahrt noch der Brockhaus, wenn er über die Erhebung Alessandro Farneses zum Kardinal durch Alexander VI. nur mitteilt, sie sei "aus persönl. Gründen" erfolgt. Welch delikater Natur diese Gründe waren, pfiffen freilich im Rom der Borgias die Spatzen von den Kirchendächern, und vergessen wurde die Melodie nie. Noch Montesquieu muß sie 1728 auf seiner Italienreise gehört haben. In seinem Notizbuch steht die Anekdote vom Papst, der seiner Geliebten im Bett anvertraute, er müsse am nächsten Tag Kardinäle ernennen und habe die Liste bei sich. "Als er eingeschlafen war, zog das Mädchen die Liste aus der Tasche, radierte den ersten Namen aus und setzte oben den Namen Farnese hin. Der Papst ließ die Liste im Konsistorium verlesen, und als er den Namen Farnese hörte, rief er aus: ,Ah, verflucht, man hat mich reingelegt!' Aber er wollte nichts sagen, und jener Kardinal wurde Paul III."

Zweifach illustriert diese Geschichte das Thema von Wahrheit und Fiktion, dem Zapperi eine verblüffende Wendung gibt. Die Anekdote selbst ist offensichtlich erfunden, aber sie spitzt einen tatsächlichen Sachverhalt zu: Die ersten Schritte seines Aufstiegs in der Hierarchie hatte Alessandro Farnese seiner Schwester Julia zu danken, der Favoritin Alexanders VI. Und die Erzählung handelt von einer Fälschung, die die Geltung eines echten Dokuments gewann. Im Archiv des farnesischen Hauses müssen viele Texte gelegen haben, die Tatsachen der Macht in Fiktionen des Rechts übersetzten. Am wichtigsten mußte den Emporkömmlingen, die auf Kontinuität bedacht waren, die 1505 von Julius II. erlassene Bulle sein, die die von Silvia Ruffini geborenen Söhne legitimierte. Zapperi vermutet, daß sie das Schriftstück ist, das Kardinal Alessandro auf dem 1511 von Raffael gemalten Porträt in der Hand hält.

Wenn der Ruhmesbericht die nackten Fakten verhüllt, wird man von der Wahrheit nur gerüchteweise hören. Die geheime Geschichte der Farnese, die Zapperi gestrickt hat, ist jedoch nicht einfach das Gegenteil der offiziellen Version. Der Doppelsinn des lateinischen Wortes fama verrät, wie nahe Ruhm und Gerücht einander sind. Bei Tacitus haben die Wahrheit des Historikers und die Einbildung des Volkes gemeinsam, daß Mächtige sie nicht unterdrücken können. So hat die Legende, in deren Licht die Fremdenführer das Grabmal Pauls III. zeigten, die Wahrheit über das Leben des Papstes an den Tag gebracht: Geliebte, Mutter, Tochter und Schwester hatten ihn wirklich emporgetragen und hätten es verdient, ihn in die Ewigkeit zu begleiten. Von Paolo Giovio bemerkt Burckhardt, er habe als "echter Kuriale" geschrieben; "in der Regel erzählt er sein Histörchen, fügt dann bei, er glaube es nicht, und läßt endlich in einer allgemeinen Bemerkung durchblicken, es möchte doch etwas dran sein". Wenn Roberto Zapperi, der römische Historiker, dem Leser zu verstehen gibt, es sei vielleicht doch etwas an den von ihm gesammelten Histörchen, deutet er seine Skepsis gegenüber dem von seinen Kollegen betriebenen Kult der nackten Wahrheit an. Das Amt des Geschichtsschreibers geht nicht auf in der Entmythologisierung, denn es kann sein, daß der Mythos verkanntes Wissen schmuggelt.

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