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Rezension: Sachbuch : Der Papst, der die Frauen liebte

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Dieses Verlangen nach poetischer Gerechtigkeit mag an der Familienräson vorbeigehen, die der Leihmutter für das Opfer der Ehre nur mit dem Vergessen danken konnte. Dennoch verrät der Einfall, der Papst habe mitten im Petrusheiligtum seine Geliebte zugleich verstecken und enthüllen wollen, ein Raffinement, das des Farnese würdig wäre. Die Mischung von Frechheit und Verstellung kennzeichnete sein Leben; skrupellos betrieb er seinen Vorteil, umsichtig erwog er jeden Schritt. Die Römer haben ihn, der sich selbst stolz einen Römer nannte, wohl verstanden, und wenn ihre Erzählung nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden.

Einen realen Kern findet Zapperi gerade in den Klatschgeschichten, in denen die Anlehnung an poetische Muster die Erinnerung zugleich verformt und verfestigt. Einem deutschen Reisenden wurde zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts die Klugheit als Porträt der Mutter des Papstes präsentiert. Als er nach dem Grund für die unziemliche Darstellung der ehrwürdigen Matrone fragte, erhielt er die Auskunft, der Papst habe im Alter alle Zähne verloren und sei von seiner Mutter wieder an der Brust genährt worden. Augenscheinlich läßt sich diese monströse Vorstellung weder mit den historischen Tatsachen noch mit dem Kunstwerk vereinbaren; aus den trockenen Brüsten der Prudentia könnte niemand die Milch der frommen Denkungsart saugen. Zapperi entschlüsselt das bizarre Geschichtchen, das aus einer Mirabiliensammlung stammen könnte, als Bild für die moralische oder amoralische Stärkung, die Alessandro Farnese von seiner Mutter empfangen hatte. Giovanella Caetani stammte aus einer berühmten Familie, die schon zweihundertfünfzig Jahre vor den Farnese einen Papst gestellt hatte. Auf Bonifaz VIII. berief sich Paul III., um die Begünstigung von Verwandten zu legitimieren. Die natürliche Pflicht der Treue zur Familie verkehrte sich, wenn der Papst sie übte, in ein widernatürliches Spektakel. Dieses verkehrte Verhältnis erfaßt das Bild vom zahnlosen Greis an der Mutterbrust. Die Legende, schreibt Zapperi, "ließ die Nachfahren in der ihr eigenen sibyllinischen Form wissen, daß die Mutter sich auf dem Grabmal befand, weil der Papst den Hang zum Nepotismus sozusagen mit der Muttermilch eingesogen habe".

Mit einem Rätselbild erläuterte man dem deutschen Besucher auch die verhüllte Gestalt der jungen Schönen. Der Mutter gegenüber liege die Tochter des Papstes, die mit dem Feuer ihrer Jugend sein kaltes Alter gewärmt habe; ehe die Statue bedeckt worden sei, habe ihr bloßer Leib die Wärme noch besser verdeutlicht. Auch in diesem Kapitel der Geschichte ohne Autor diente die Körperlichkeit des Greises, dessen biblisches Alter die Phantasie anregte, zur Erklärung der postumen Gesellschaft des Zölibatärs. Hier ließ sich eine farnesefreundliche Stimme hören: Die Kunde vom Wärmeabgleich sollte den Papst nicht des Inzests anklagen, sondern von diesem Verdacht gerade freisprechen. Papst Paul soll es ergangen sein wie König David, von dem das Erste Buch der Könige berichtet, ihn habe im Alter kein Kleid mehr warm halten können, weshalb ein schönes junges Mädchen gerufen worden sei, Abisag, die ihm bis an sein Lebensende gedient habe, nicht als Geliebte, sondern wie eine Tochter. War die Nacktheit der Grabwächterin also ein Zeichen paradiesischer Unschuld? Hätte ihr die Keuschheitsschürze gar nicht angelegt werden müssen?

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