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Rezension: Sachbuch : Der Papst, der die Frauen liebte

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Seit die Erscheinung Pauls III. in Sankt Peter Ferdinand Gregorovius die Idee eingegeben hatte, die Reihe der Grabdenkmäler der Päpste als Relief der Papstgeschichte zu betrachten, hat Guglielmo della Portas Werk die Forschung beschäftigt. Wer heute vor der Nische in der Tribuna steht, sieht nur noch einen Teil des 1574, drei Jahre vor dem Tod des Künstlers, realisierten Monuments und erst recht nur ein Fragment des ursprünglichen Projekts. Die komplizierte Baugeschichte hat die Aufmerksamkeit der Kunsthistoriker absorbiert; vom Stadtklatsch, der die Allegorien nicht allegorisch lesen wollte, ließen sie sich nicht beirren. Roberto Zapperi hat erstmals die Spur der Legende durch die Jahrhunderte verfolgt. Der Stein, den die Baufachleute verworfen haben, ist ihm zum Eckstein geworden: Im abenteuerlichen Rankenwerk, das der Volksmund um den bloßen Marmor gewunden hat, findet Zapperi einen verborgenen Zugang zur Geschichte Pauls III. und der vier Frauen seines Lebens, von denen freilich nur eine seine Konkubine war.

Sein Buch ist grundgelehrt, geschöpft aus ungedruckten oder wenigstens ungelesenen Quellen. Einem Detektiv gleicht dieser Archivforscher auch in seinem Sinn für das Wesentliche. Man kann das Werk in einer Nacht durchlesen und mag sich dabei an Sidney Lumets Verfilmung von "Mord im Orient-Expreß" erinnert fühlen: Auf engem Raum drängt sich ein großes Aufgebot von Stars. Das erste Lob der "schönen Frau, die in der neuen Peterskirche zu Füßen von Papst Paul III. liegt", stammt von Montaigne, und der entscheidende Hinweis auf den Namen der Geliebten des Farnese wird Rabelais verdankt. So geht es fort, über Montesquieu und Winckelmann bis zu Stendhal und Jacob Burckhardt.

Burckhardt schildert in der "Kultur der Renaissance", wie der moderne Ruhm, der das Heraustreten des Individuums aus den Bindungen von Gruppe und Ethos feierte, auch sein Gegenteil hervorrief, den modernen Spott und Witz. Wo indes bei Burckhardt die Lästerei ein Resultat desselben Individualismus ist, den sie bekriegt, ein Produkt bindungsloser Berufsschreiber, in dem sich "das heutige großstädtische Feuilleton" ankündigt, da zitiert zwar auch Zapperi eine Schmähschrift wie den von protestantischen Historikern abgeschriebenen Brief eines angeblichen Bruders Berardino - doch steigt er von dieser Nadelzinne der übertreibenden Bosheit hinab in die Tiefenregion eines kollektiven Gedächtnisses, das dem Anschein nach phantastischer, tatsächlich jedoch genauer ist.

In einer ausführlichen Beschreibung des Grabmals hat Giacomo Grimaldi 1620 die Nacktheit der Justitia als Mahnung an die Richter gedeutet, "die bei der vergeltenden Rechtsprechung frei sein müssen von Interessen und Leidenschaften". Mit welcher Leidenschaft hingegen Alessandro Farnese als Kardinal und als Papst sein Interesse verfolgt hatte, hatte die römische Bevölkerung über sechs Jahrzehnte lang beobachten und erraten können. Den Namen der adligen Dame, mit der der Prälat vier Kinder zeugte, um den Mannesstamm seines Hauses zu retten, nennt keine Urkunde, doch die Verwandten jener Silvia Ruffini, deren Nachnamen Rabelais herausfand, seine Schwäger in pectore, standen ihm bei Rechtsakten als Zeugen zur Seite, wenn sie nicht selber die Begünstigten waren. Wenn Paul III. seinem Sohn Pierluigi und dessen Söhnen Ämter und Besitz verlieh, ließ er diese Szenen malen. Die Römer vollendeten das Bild, indem sie kombinierten, auch das Antlitz der Dame, ohne die es die Empfänger des Segens nicht gegeben hätte, habe Paul für die Nachwelt festhalten müssen.

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