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Rezension: Sachbuch : Der nahe Spiegel

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Mittelalterliche Bewaffnung, moderne Abrüstung: Peter Johaneks wirkungsgeschichtliche Studien

          Über den vorliegenden Band und seinen Autor zu schreiben erfüllt mit doppelter Genugtuung. Da ist zum einen der Anlaß: Beim letzten gemeinsamen Auftreten stellte der Autor den Rezensenten als "Endfünfziger" vor. Wenn diese Zeilen erscheinen, ist der Spötter nicht einmal mehr das, sondern - ausgerechnet an Goethes Geburtstag - ein Sexagenarius geworden, dem man "ad multos annos" wünscht. Größer ist allerdings - zur Ehrenrettung des Rezensenten - die Freude, über ein Buch, das sich als Ganzes darstellt, obwohl es aus zwanzig Aufsätzen besteht. Zugegeben, die beiden Herausgeberinnen haben eine hervorragende Auswahl getroffen, aber sie hätten dies nicht tun können, wenn nicht Hervorragendes auszuwählen gewesen wäre. In "deutschen Landen" gibt es viele Mediävisten mit vielfältiger Spezialisierung. Peter Johanek, Direktor der Abteilung für westfälische Landesgeschichte an der Universität Münster, zählt zur Spitzengruppe der Zunft. Seine Arbeitsgebiete reichen von der Diplomatik, Editionstechnik, Kodikologie bis zur Rechts- und Institutionengeschichte, Überlieferungs- und Wissenschaftsgeschichte, von der frühmittelalterlichen bis zur Stadt- und Landesgeschichte und so weiter und so weiter.

          Die Vielseitigkeit Johaneks entspricht seinem Lebensweg als plattdeutsch sprechender Böhme: Geboren zu Budweis, kam er nach der Vertreibung über eine oberösterreichische Zwischenstation nach Detmold, wo er aufwuchs: Er studierte und habilitierte sich in Würzburg, kam dazwischen nach Wien, war Visiting Fellow im All Souls College, Oxford, und ging als Professor nach Münster. Aber seine Ferien verbringt er im Waldviertel, im nach Österreich verlängerten Böhmerwald, wie er überhaupt weiß, daß östlich von Salzburg und Inn die Welt noch weitergeht. Er beherrscht wie kein zweiter die reiche Vielfalt historisch-philologischer Disziplinen, die er überdies in einer die Fachwelt wie die Öffentlichkeit faszinierenden Weise zu vermitteln versteht. Und zwar mit dem Ziel, die Geschichte als Wirkungsgeschichte zu erfassen und ebenso glaubwürdig wie verständlich darzustellen: Was denkt eine vergangene oder auch gegenwärtige Gegenwart über ihre eigene Vergangenheit, wozu verwendet sie Geschichte, wie bedient sie sich der res gestae zur Stiftung ihrer eigenen Identität, ja Legitimität? Die Zweiheit "Geschichte und geschichtliche Kultur" - nach der Terminologie von Bernard Guenée, histoire et culture historique - bleibt Johanek jedoch nicht nur der Gegenstand der Erforschung eines vergangenen Phänomens, sondern er zieht daraus die "Lebenslehre", miroir et doctrine, für Vergangenheit und Gegenwart, wie dies schon der Burgunder Georges Chastellain, der erste beamtete Hofhistoriograph Europas, als seine Aufgabe gesehen hat.

          Dieses "was weiter wirkt . . . " - die Herausgeberinnen hätten keinen besseren Titel finden können - läßt den Autor nach der "fränkischen Eroberung und westfälischen Identität" ebenso fragen wie nach dem Nürnberg-Mythos in Richard Wagners Meistersingern. Er schreibt für ein Programmheft der Bayreuther Festspiele ebenso wie für ein Kolloquium der Historischen Kommission für Westfalen zum Thema "Westfalens Geschichte und die Fremden", um über die Gestalt des "Herzogs" Widukind festzustellen: "Heutzutage verhält man sich gegenüber Widukinds Kampf gegen die Franken als bestimmendes Stück westfälischer Geschichte zwiespältig, ja eher ratlos, obwohl Widukinds Popularität und Bekanntheitsgrad offenbar ungebrochen ist. Den Bedeutungsfeldern jedoch, auf denen sein Name im letzten Jahrhundert und zu Beginn des unseren Emotionen zu wecken vermochte (siehe das ,Niedersachsenlied' des Braunschweiger Musiklehrers Hermann Grote von 1933: ,Wir sind die Niedersachsen,/ Sturmfest und treu verwachsen,/Heil Herzog Widukinds Stamm!'), ist durch die Politik der Nachkriegszeit die Substanz entzogen worden, so daß die historische Figur Widukind ebenso wie der Vorgang der Sachsenunterwerfung politische Botschaften kaum noch zu transportieren vermögen. Daher sei es gestattet, an dieser Stelle die Akten über die Verarbeitung einer historischen und entscheidenden Niederlage der Sachsen gegen ein fremdes Volk im kollektiven Bewußtsein Westfalens - und um eine solche Analyse ging es hier - vorläufig zu schließen."

          Methodische Kompetenz, unerreichte Vielseitigkeit, und zwar auf allen Gebieten, die die deutsche Mediävistik in den letzten Jahrzehnten bearbeitete, aktuelle Vermittlung der Aktualität der Geschichte als "lebendige Vergangenheit" (Frantisek Graus) ohne jegliche Kompromisse an den Zeitgeist oder den engagierten Dilettantismus: das kennzeichnet das OEuvre Johaneks, das wird durch den vorliegenden Band ausgezeichnet, wenn auch bei weitem nicht vollständig dargestellt. Es fehlt etwa der Hinweis, daß unter Johaneks Leitung die Monumenta-Germaniae-historica-Edition der Urkunden Ludwigs des Frommen entsteht. Es fehlen seine frühmittelalterlichen Arbeiten, wie etwa der Beitrag "Bewaffnung" zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde. Wer die Fußnoten von "König Arthur und die Plantagenets" zu deuten weiß und die nötigen Hintergrundinformationen besitzt, schätzt Johanek auch als einen Historiker, der jederzeit eine Geschichte Englands, der Britischen Inseln insgesamt oder auch Skandinaviens, der Wikinger und Normannen und was es sonst noch gibt zu schreiben imstande wäre. Und hier setzt der Rezensent mit einer leisen Kritik ein: Lieber Kollege und Freund Peter Johanek, lernen Sie für ein oder zwei Jahre, oder sollen es drei sein, nein zu sagen, verbarrikadieren Sie sich in Münster oder Umgebung und schreiben Sie die großen Bücher, die man mit Recht von Ihnen erwartet. HERWIG WOLFRAM

          Peter Johanek: "Was weiter wirkt . . ." Recht und Geschichte in Überlieferung und Schriftkultur des Mittelalters. Herausgegeben von Antje Sander-Berke und Birgit Studt. Scriptorium-Verlag, Münster 1997. 417 S., geb., 78,- DM.

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