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Rezension: Sachbuch : Der mythische Artist trauert

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Jörg Döring nimmt Ovid beim Wort

          Was Ovid im zehnten Gesang seiner Metamorphosen beschrieben hat, beschreibt Jörg Döring noch einmal. Das ganze Orpheus-Schicksal, teils von Ovid mitgeteilt, teils von seinem "Koautor" Orpheus selbst gesungen, buchstabiert Döring, seinerseits Koautor der beiden, Episode für Episode durch: den Abstieg des Orpheus in den Orkus, seine Rede vor den Herrschern der Unterwelt, den Aufstieg mit den bekannten Folgen, den "Faszinationskern des Stoffes" - das Naturtheater, die Liebes- und Leidenserzählungen der Götter und das Ende des Orpheus. So kann Döring Ovid Punkt für Punkt ernst nehmen, indem er im Unterschied zu sämtlichen früheren Kommentatoren davon ausgeht, daß jede Zeile, jedes Szenario seine Bedeutung hat.

          Seine Vorgänger wissen sehr genau, was Ovid eigentlich zu machen gehabt hätte, bezeichnen Passagen als unangemessen, wissen, wie Orpheus mit einer wiedergewonnenen Eurydike umzugehen hat, und verteilen Noten, je nachdem, wie weit Ovid ihren Forderungen nachkommt oder sie unerfüllt läßt. Unterm Strich schneidet Ovid bei seinen Kommentatoren schlecht ab. Irgendwie scheint er keine Ahnung gehabt zu haben: von Trauer nicht, von Mitleid nicht, ebensowenig vom ehelichen Liebesglück und von der Umsetzung dieser Sujets in Gesang.

          Aus dem "hohen erzählerischen Tempo" hingegen, das die Orpheus-Episode kennzeichnet, gewinnt Döring die lakonische Pointe: "So kurz wie die Liebe selbst währt auch deren Erzählung" und, darf man hinzufügen, auch diese Studie. Sie hätte leicht zu einem dicken Buch breitgewalzt werden können. So aber besticht sie durch den Verzicht auf Redundanz und Jargon und vermag es dennoch, Orpheus als Trauerschicksal und seine Kunst als Bearbeitung einer Verlusterfahrung knapp und unprätentiös zu veranschaulichen.

          Mit dieser Studie präsentiert sich Döring gut verankert in der Schule der Berliner Religionsphilosophie. Vor allem Klaus Heinrichs Ovid-Vorlesungen, aber auch Renate Schlesiers Forschungen zur antiken Musik-Mythologie liefern das stoffliche und methodologische Rüstzeug. Und dennoch sind seine Ausführungen nicht nachgeklappert. Vielmehr kommt er dem Anspruch dieser "Schule" nach, insofern er die antike Mythologie und die antike Interpretation des Artisten als ein Unternehmen kennzeichnet, mit dem noch heutige aktuelle Erfahrungen bearbeitet werden. Die Akzentsetzung auf Figuren des Erstarrens und die weiten Umwege, die nötig sind, um das, was da erstarrt ist, wieder zu lösen, macht er für die heutige Denkmaldiskussion fruchtbar.

          Dieses Thema, das heute nur mit Augenblicksargumenten abgehandelt wird, findet sich weit in die Zeit zurückgeschoben und erscheint aus dieser Perspektive als zentrales Problem der Zivilisation: Hier liegt die Trauerarbeit vor, die der mythische Artist leistet, der für Ovid zur Identifikationsfigur wird; hier wird diese Trauerarbeit zum Zentrum der Zivilisationserfahrung. Ovid war nicht etwa froh darüber, einen Koautor gefunden zu haben, der nun ein ganzes Buch lang Geschichten aneinanderreiht, denen die Kommentare den Zusammenhang mit der Eurydikegeschichte absprechen, sondern all diese Geschichten werden als Verarbeitungen der Orphischen Erfahrungen "nachgewiesen" und auf diese Weise als Belegstücke für den hohen Grad an Verarbeitungsdichte angeführt, den Ovid in seinen Metamorphosen erreicht hat. CAROLINE NEUBAUR

          Jörg Döring: "Ovids Orpheus". Verlag Stroemfeld/Nexus, Frankfurt am Main 1996. 116 S., br., 28,- Mark.

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