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Rezension: Sachbuch : Der Mond schwimmt in einem Meer

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Clifford Geertz packt die Badehose ein / Von Karl-Heinz Kohl

          4 Min.

          Haben ethnologische Forschungen überhaupt noch einen Sinn, nachdem die westliche Kultur ihren Siegeszug angetreten hat, Afrika von Barackenvierteln zerfressen wird, die polynesischen Inseln im Beton ersticken und die letzten Enklaven des Exotischen zerstört sind? Der moderne Forschungsreisende sieht sich als Gefangener einer ausweglosen Alternative. Während er sich in Zeiten zurücksehnt, in denen eine wirkliche Begegnung zwischen Kulturen noch möglich war, läuft unter seinen eigenen Augen ein Schauspiel ab, dessen wahre Bedeutung sich erst künftigen Generationen erschließen wird. Ihm selbst erscheint es dagegen als eine Konfrontation "mit den unglücklichsten Formen unserer eigenen Existenz". Denn: "Was uns die Reisen in erster Linie zeigen, ist der Schmutz, mit dem wir das Antlitz der Menschheit besudelt haben."

          Diese Äußerungen liegen mittlerweile über vierzig Jahre zurück. Sie stammen aus Claude Lévi-Strauss' "Traurigen Tropen". Der Globalisierungsprozeß ist seither weiter vorangeschritten. Hat er aber die kulturellen Unterschiede tatsächlich eingeebnet? Ist die Welt wirklich so eintönig und langweilig geworden, daß man sie - wie Lévi-Strauss dies damals tat - mit einer Zuckerrüben-Monokultur vergleichen möchte?

          "After the Fact" - so lautet der mehrdeutige Originaltitel des Buches von Clifford Geertz. In ihm zieht der amerikanische Ethnologe ein Resümee der Erfahrungen, die er selbst in den vergangenen vier Jahrzehnten sammeln konnte. Die Orientierung am Jahrhundertbuch seines großen französischen Kollegen, dem er bereits in seiner 1988 publizierten Studie über den "Anthropologen als Schriftsteller" eine der schönsten neueren Hommagen erwiesen hatte, ist unverkennbar. In einem entscheidenden Punkt unterscheidet Geertz sich allerdings von seinem Vorbild: Er ist kein Kulturpessimist.

          Finden im deprimierenden Unterton der "Traurigen Tropen" die Lebenserfahrungen eines Wissenschaftlers ihren Niederschlag, der in seinen jungen Jahren zu den damals noch unberührten Stammesgesellschaften Brasiliens gereist war, der den Aufstieg des Faschismus in Europa erlebt hatte und während des Zweiten Weltkriegs ins Exil getrieben worden war, so sind Clifford Geertz' bildende Jahre in die Wiederaufbauphase des ersten Nachkriegsjahrzehnts gefallen. Eine bruchlosere professionelle Laufbahn als die seine, die ihn nach Feldforschungen in Indonesien und Marokko über die ethnologischen Departments der renommiertesten amerikanischen Universitäten bis nach Princeton führte, läßt sich kaum denken.

          Geertz hat sich die optimistischen Visionen seiner Jugend bewahrt. Bei aller Skepsis gegenüber bestimmten zeitgenössischen Entwicklungen ist ihm die Klage über den unwiederbringlichen Verlust der kulturellen Vielfalt der Menschheit fremd. Er weiß, daß der äußere Anschein täuscht. Kulturen sind keine statischen Größen. Sie gehen deshalb auch nicht einfach unter, sondern generieren sich stets aufs neue. Die Ethnologie mag zwar ihren klassischen Gegenstand, die fälschlicherweise als "Primitive" bezeichneten Gesellschaften, verloren haben. Dafür fallen ihr fortlaufend neue Untersuchungsbereiche zu. Man muß sie nur sehen lernen.

          Geertz' Buch gruppiert sich um zwei geographische Pole: die Stadt Pare in Ostjava, in der er von 1952 bis 1954 ethnographische Untersuchungen betrieben hatte, und die marokkanische Stadt Sefrou, wo er sich als Leiter eines Forschungsteams amerikanischer Ethnologen in den sechziger Jahren aufhielt. Beide Städte liegen an den Rändern der islamischen Welt, beide Regionen haben sich je auf ihre Weise mit den Einflüssen der Moderne auseinandergesetzt. Geertz hat sie über Jahrzehnte hin immer wieder besucht und sorgsam die Veränderungen registriert, die sich seit seinen ersten Aufenthalten ereigneten.

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