https://www.faz.net/-gqz-6pudx

Rezension: Sachbuch : Der Mensch baut nur da für Menschen, wo er spielt

  • Aktualisiert am

Immer witterte er Morgenluft. Bruno Taut, Berliner Architekt und Stadtplaner, Romantiker und Realist, Träumer und Organisator, sah die Sonne aufsteigen, auch wenn die Welt verfinstert war: vom Granatenhagel des Ersten Weltkriegs, von der Not der Nachkriegsjahre, auf den verschiedenen Stationen seines freiwilligen oder erzwungenen Exils.

          4 Min.

          Immer witterte er Morgenluft. Bruno Taut, Berliner Architekt und Stadtplaner, Romantiker und Realist, Träumer und Organisator, sah die Sonne aufsteigen, auch wenn die Welt verfinstert war: vom Granatenhagel des Ersten Weltkriegs, von der Not der Nachkriegsjahre, auf den verschiedenen Stationen seines freiwilligen oder erzwungenen Exils. "Frühlicht" lautete der charakteristische Titel einer Zeitschrift, die er von 1920 bis 1922 herausgab. Seine Devise "Ex oriente lux" war nicht politisch gemünzt, sondern meinte die "Zauberwelt" Indiens, Kambodschas, Indonesiens und später auch Japans: "Beugt euch in Demut nieder, ihr Europäer!"

          Altem Biographenbrauch entsprechend halten die Herausgeber des neuen Sammelbandes die zentrale Figur ihres Interesses für unterschätzt. Auf die deutsche Szene der letzten Jahrzehnte trifft dieser Kummer nicht zu. Seit der Biographie, die Kurt Junghanns erstmals 1970 veröffentlichte, und dem Katalogbuch der Berliner Akademie der Künste von 1980 ist eine große Zahl von Arbeiten erschienen. Gestützt auf die inzwischen zugänglichen Nachlässe und das Quellenmaterial, das fleißige Rechercheure zwischen Ankara und Kyoto auftaten, ist die Taut-Publizistik inzwischen zu einem Konvolut von Aufsätzen, Dissertationen und Magisterarbeiten angewachsen. Aber Mitherausgeber Winfried Nerdinger hat recht, sofern er das internationale Renommee Bruno Tauts im Sinne hat. Mit dem Heroenkult, der um die Bauhaus-Patriarchen Walter Gropius oder Mies van der Rohe weltweit getrieben worden ist, kann Taut es nicht aufnehmen. Schon Hagiographen der Moderne wie Sigfried Giedion gönnten ihm allenfalls eine Erwähnung. Die meisten angelsächsischen Chronisten der Architektur-Moderne von Henry-Russell Hitchcock bis Kenneth Frampton hielten es nicht anders. Nur dort, wo Taut in den letzten Jahren seines Lebens gewirkt hat, in Japan und der Türkei, blieb die Erinnerung lebendig. Sie war mit Dankbarkeit gemischt, denn anders als die "weißen Götter" der Moderne war Taut für die Kulturen seiner Gastländer aufgeschlossen und nahm sich ihrer auch publizistisch an.

          Vom Persönlichkeitsbild her taugte Taut wenig zum Heros, wie ihn Gropius, Mies, Wright und Le Corbusier - jeder auf seine Weise - wirkungsvoll vorstellten. Taut war ein unruhiger Geist, beweglich, sensibel, kränkelnd, schnell erregbar, für vielerlei zu begeistern und andere begeisternd. Als Polemiker, der er war, legte er sich mit zahlreichen Kollegen an. "Ein zartes Nervenbündel" nannte ihn Paul Bonatz, mit dem er zu Anfang seiner Karriere bei Theodor Fischer in Stuttgart gearbeitet hatte. Widersprüche lagen in Tauts Naturell. Er bekannte sich zum Typus, aber liebte Abweichungen von der Norm. Er pries das unverfälschte Schöpfertum des Volkes und konnte als Verteidiger demokratischer Baukultur gelten. Aber die Rolle des Künstler-Architekten als messianischen "Führers" hat er stets verteidigt. Noch in seinen letzten Lebensjahren, als er in der Türkei die Architekturabteilung der Kunstakademie und gleichzeitig das Baubüro des Unterrichtsministeriums leitete, schien er eine Art oberster Bauinstanz in Kemal Atatürks autokratischem Reich anzustreben.

          Weitere Themen

          Die Phantome des Zeichners

          Botho Strauß wird 75 : Die Phantome des Zeichners

          Was wäre wohl geschehen, wenn er den Nobelpreis bekommen hätte? Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Botho Strauß, der im politischen Spektrum der Gegenwart keinen Platz hat und jetzt zwei neue Bücher herausbringt.

          Leia spielt Schlüsselrolle Video-Seite öffnen

          „Star Wars IX“ : Leia spielt Schlüsselrolle

          Ihre Rolle als Prinzessin Leia in Star Wars hat sie für ihre Fans unsterblich gemacht: Obwohl Schauspielerin Carrie Fisher seit drei Jahren verstorben ist, spielt sie in „Der Aufstieg Skywalkers“ dank moderner CGI-Technik mit.

          Topmeldungen

          Parteitag stimmt zu : Die SPD sagt vorerst Ja zur Groko

          Der Leitantrag zum Fortbestand der Großen Koalition findet auf dem Parteitag in Berlin eine breite Unterstützung: Die Genossen wollen ihre neuen Vorsitzenden stärken. Die sollen nun Gespräche mit der Union suchen.

          Merkel in Auschwitz : Die Bausätze des Hasses

          Die Lehre von Auschwitz lautet: Wehret den Anfängen! Schon die Vorgeschichte des Holocausts muss den Anhängern der freiheitlichen Demokratie daher eine Warnung sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.