https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezension-sachbuch-der-maler-der-die-renaissance-in-rhetorik-verwandelte-11322356.html

Rezension: Sachbuch : Der Maler, der die Renaissance in Rhetorik verwandelte

  • Aktualisiert am
          5 Min.

          Elf Tage vor seinem Tod, im letzten langen Gespräch mit Eckermann, kam Goethe auf Raffael zu sprechen. Die meisten Menschen seien heutzutage der Ansicht, Gott habe sich schon lange zurückgezogen. Sogar "in Dingen der Wissenschaft und Künste glaubt man, es sei lauter Irdisches und nichts weiter als ein Produkt rein menschlicher Kräfte. Versuche es aber doch nur einer und bringe mit menschlichem Wollen und menschlichen Kräften etwas hervor, das den Schöpfungen, die den Namen Mozart, Raphael oder Shakspeare tragen, sich an die Seite setzen lasse." Raffael war für Goethe ein Gottesbeweis.

          So fern uns das vorkommen mag, damals war der Gedanke Gemeingut. Vier Jahrhunderte lang galt Raffael als das Wunderkind der Kunstgeschichte, dessen Einzigartigkeit man sich in Anekdoten und Legenden zu deuten versuchte. Manche davon kursierten schon zu seinen Lebzeiten. Als Giorgio Vasari gut dreißig Jahre nach dem Tod des Künstlers dessen Biographie veröffentlichte, war Raffael schon zur Legende geworden. Er sei, heißt es bei Vasari, "nicht ein Mensch schlechthin" gewesen, "sondern, wenn man so sagen darf, ein sterblicher Gott". Bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert gehört nicht nur sein Werk, sondern auch die Legende seines Lebens zur Allgemeinbildung. Erst die Epoche von Expressionismus und Weltkrieg wird auch diesen Gott vom Thron stürzen.

          "Schönheit, die nichts als Schönheit war, schien mir leer", erinnert sich Elias Canetti an die Michelangelo-Begeisterung seiner Jugendjahre, "Raffael bedeutete mir wenig, Schönheit aber, die etwas zu tragen hatte, die von Leidenschaft, Unglück und bösen Ahnungen belastet war, bezwang mich." Der Inbegriff des Künstlers ist nun das leidende Genie, Rembrandt und Michelangelo heißen die neuen Idole. Raffaels klassische Kunst, die schon seinen Zeitgenossen als Ausdruck einer harmonischen Seele galt, schien nur noch fad und langweilig. Ruhe und Harmonie waren keine Kunstideale mehr, weil sie aufgehört hatten, Ideale des Lebens zu sein.

          Schon bei Vasari heißt es, Raffael sei "ein liebebedürftiger Mann" gewesen, dessen Geliebte sich möglichst in der Nähe seines Arbeitsplatzes aufhalten mußte. Daß er im Alter von siebenunddreißig Jahren plötzlich gestorben ist, habe vor allem daran gelegen, daß er sich "im Übermaß den sinnlichen Genüssen" hingegeben habe. Aus solchen Hinweisen, vielleicht aber auch nach mündlicher Tradition, wurde daraus später die detailgenau ausgemalte Geschichte der Fornarina, der schönen Bäckersfrau, die Raffael so heftig liebte und deren angebliches Wohnhaus man im römischen Stadtteil Trastevere bis heute bestaunen kann. Andere römische Gebäude, die dem Künstler als Liebesnest gedient haben sollen, sind inzwischen aus den Reiseführern verschwunden. Zur Goethezeit waren sie noch Pilgerziele. Raffael verkörperte einen Menschheitstraum: Sexuelle Lust, seelische Harmonie und künstlerische Genialität schienen eins geworden, Kunst nicht das Ergebnis von Arbeit, sondern von Glück.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Pendler warten auf die S-Bahn – und auf das günstige 49-Euro-Ticket.

          F.A.Z. exklusiv : Verkehrsbetriebe: 49-Euro-Ticket erst ab Mai

          Kommunen und ihre Verkehrsbetriebe fürchten finanzielle Verluste wegen eines billigen 49-Euro-Tickets zu Gunsten von Pendlern und Touristen. NRW-Minister Krischer warnt vor einer „Vollkaskomentalität“.
          Bundeskanzler Olaf Scholz beim Besuch einer Übung der Bundesweh am 17. Oktober 2022 in Ostenholz.

          Ausrüstung der Bundeswehr : Munition für zwei Tage

          Die Aufrüstung der Bundeswehr läuft schleppend. Vor allem fehlt es auch an Munition. Nun streiten Ampel, Union und Industrie um schuldhafte Versäumnisse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.