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Rezension: Sachbuch : Der Koran erlöst auch auf Deutsch

  • Aktualisiert am

Heilige Zweitschrift

          3 Min.

          In Europa wachsen neben den alten Kirchtürmen neue Minarette. Gemessen an der Zahl seiner Bekenner, ist der Islam in England, Frankreich und Deutschland zur zweiten Religion nach dem Christentum geworden. Der Koran wird damit zur zweiten Heiligen Schrift im Land. Die Muttersprache der meisten hiesigen Muslime aber ist (noch) nicht Deutsch. Das Problem der Übersetzung des Korans aus dem Arabischen ins Deutsche gewinnt dennoch eine neue Dimension. Man braucht dazu eine gehörige Portion Tollkühnheit: Nach dem Glauben der meisten Muslime ungeschaffen und von Ewigkeit neben Gott existierend, ist der Koran sprachlich vollkommenes Wort in arabischer Sprache.

          Dennoch fing die Rezeption des Korans in der deutschen Klassik viel versprechend an: Friedrich Rückerts um 1835 entstandene Teilübertragung markiert eine Sternstunde der Übersetzungskunst. In ihrer Genialität, wenn auch nicht in ihrer Wirkung ist sie vergleichbar mit der lutherschen Bibelübersetzung oder der Verdeutschung der Schrift durch Martin Buber und Franz Rosenzweig. Rückerts Übertragung war freilich nie als vollständige Übersetzung geplant. Rückert las den Koran vor allem poetisch - die gesetzgeberischen Passagen interessierten ihn kaum.

          Die arabische Philologie des neunzehnten Jahrhunderts in Europa entwickelte eine Art Hassliebe zum Korantext. Einer ihrer größten Vertreter, Theodor Nöldeke (1836 bis 1930), verfasste mit zwanzig Jahren eine Preisschrift über die Entstehungsgeschichte und reichte sie 1858 bei der Pariser Akademie der Wissenschaften ein. Die auf dieser Arbeit fußende "Geschichte des Qor'ans" gehört heute noch zum unentbehrlichen Handwerkszeug des Islamwissenschaftlers. Nöldeke war aber auch einer der Ersten, die durch den Kneifer des Stubengelehrten den arabischen Korantext fixierten, um ihn zu rezensieren. In einem 1910 erschienenen Aufsatz "Zur Sprache des Korans" gab er penibel Hunderte von Belegen für das, was er als "unlogische, unklare und unschöne Ausdrucksweisen" ansah. Zwar warb er um Verständnis dafür, "dass der Prophet nicht für geschulte Europäer geredet hat". Dennoch: Die Rezension des Korans geriet zum Verriss und war bei aller Akribie ein Zeugnis der Unzuständigkeit. Nöldekes Schüler Friedrich Schwally prägte das Wort von der "schauerlichen Öde des heiligen Buches".

          Bedeutende deutschsprachige Arabisten wagten sich danach lange nicht mehr an eine Koranübersetzung. Erst 1962 hat Rudi Paret (gestorben 1983) eine wissenschaftliche Standardübersetzung vorgelegt, die dem interessierten Laien und Fachmann eine im Rahmen des Möglichen zuverlässige Textgrundlage bietet. In seinem "Konkordanz" genannten Kommentar hat er den Koran hauptsächlich aus sich selbst zu verstehen gesucht. Parets Übertragung ist oft dafür gescholten worden, dass sie schwer lesbar ist. Klammern, Anmerkungen, Zusätze, Fragezeichen machen die Grenzen des erreichbaren philologischen Textverständnisses sichtbar. Sie sind Signale wissenschaftlicher Redlichkeit, stören aber den Lesefluss. Vom rhetorischen Glanz des Originals, wie er bei Rückert unübertroffen hörbar wird, bleibt nichts. Paret hat in seiner Übersetzung so angestrengt "von einer gehobenen Ausdrucksweise Abstand genommen", dass Gottes Wort zu entwaffnenden Formulierungen findet: Der Tag des Weltgerichts ist, wenn "die Sache brenzlig wird" (Sure 68:43); in einer antitrinitarischen Passage betont der göttliche Sprecher, er habe "sich ein Kind zugelegt" (Sure 25:2); und Gott befragt den Propheten Mohammed über die gottgeschaffene Welt wie ein Tankwart seinen Kunden: "Kannst Du einen Defekt feststellen?" (Sure 67:3).

          Die älteren Übersetzungen dienten einem gebildeten nichtmuslimischen Publikum zur Belehrung. Heutige Übersetzungen aus muslimischer Feder wollen Muslimen, die des Arabischen nicht mächtig sind, das Grunddokument ihres Glaubens vermitteln. Dogmatisch gesehen ist der arabische Korantext unübersetzbar. Was "Übersetzung" genannt wird, hat nur den Rang einer Auslegung. Daher heißt eine von dem deutschen Muslim Muhammad Ahmad Rasul 1987 veröffentlichte Übertragung "Die ungefähre Bedeutung des Quran Karim in deutscher Sprache". Andere Übersetzungen drucken, um "Koran" zu sein, den arabischen Korantext mit ab.

          Der in der muslimischen Welt bekannte Konvertit und Botschafter a. D. Murad Wilfried Hofmann hat nun seine Version vorgelegt ("Der Koran". Das heilige Buch des Islam. Aus dem Arabischen von Max Henning. Überarb. und hrsg. von Murad Wilfried Hofmann. Diederichs Verlag, Kreuzlingen, München 1999. 480 S., geb., 29,80 DM). Dieses Buch geht als muslimische Bearbeitung eines von einem Nicht-muslim übersetzten Textes einen steinigen Mittelweg. Ihm liegt die 1901 bei Reclam verlegte und viel benutzte Übertragung zu Grunde, die auf das mysteriöse Pseudonym Max Henning zurückgeht. Diese wurde 1960 in einer behutsamen Anpassung und Überarbeitung durch Annemarie Schimmel neu vorgelegt. Hofmann nennt Schimmel nicht, aber fast überall, wo er von ihr abweicht, fällt er hinter sie zurück. Und wenn er nach dem Motto "Und der Koran hat doch Recht" den "Urknall" im heiligen Buch findet, dann entspricht diese Auslegung nicht dem neuesten Stand islamischer Koranexegese.

          Aber noch in seiner flachsten Anpassung ist der Koran ein ungebärdiges, sperriges Buch. Nicht domestizierbar und schwer zugänglich, bleibt er vielen Heiden eine Torheit, manchem Christen ein Ärgernis, jedem Muslim eine Offenbarung.

          STEFAN WILD

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