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Rezension: Sachbuch : Der König weint fürs Publikum

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War Konrad III. lediglich ein großer Tragöde? Gerd Althoffs positivistischer Zweifel an den Berichten über mittelalterliche Emotionen

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          Ende November 1146 traf Abt Bernhard von Clairvaux auf dem Hoftag zu Frankfurt mit dem deutschen König Konrad III. zusammen. Bernhard, ein wortgewaltiger Prediger, dem der Ruf der Heiligkeit vorausging, suchte den Staufer für einen zweiten Kreuzzug zu gewinnen, zu dem Ludwig VII. von Frankreich schon bereit war. In vertraulicher Unterredung lehnte Konrad jedoch kühl ab. Der Zisterziensermönch, ein Beauftragter seines Ordensbruders, Papst Eugens III., ließ aber nicht locker. Weihnachten war er in Speyer wieder am Königshof und bedrängte in seiner Festtagspredigt erneut den Herrscher, abermals ohne Erfolg.

          Drei Tage darauf hielt er Konrad unter vier Augen vor, wie leicht die Buße sei, die ein Kreuzzug allen Sündern verheiße. Konrad wurde schwankend, wollte aber zunächst seine Ratgeber hören; am folgenden Tag sollte Bernhard endgültig Bescheid erhalten. Der aber wartete nicht länger ab; in der Messe desselben Tages riß er das Wort an sich und hielt dem König das Jüngste Gericht vor Augen. Alles, so Bernhard, verdanke Konrad Gott: die hohe Königswürde, Reichtümer, Klugheit, männlichen Mut und körperliche Kraft. Der Herrscher brach noch während der Predigt in Tränen aus, erkannte die ihm geschenkte Gnade Gottes an und entschloß sich, aus Dankbarkeit das Kreuz zu nehmen. Die anwesenden Fürsten taten es ihm nach.

          In der Geschichtsschreibung des Mittelalters gilt die Entscheidung Konrads III. traditionell als unvernünftig; die Stauferherrschaft war nämlich noch keineswegs konsolidiert, der Konflikt mit den Welfen ungelöst. Man erklärte sich den Sinneswandel des Königs denn auch mit Bernhards "gewaltigem Appell an seine Gefühle", dem Konrad nicht gewachsen war, ja sogar mit der mangelnden Bildung des Herrschers. Dieser Interpretation ist nun Gerd Althoff entgegengetreten, und zwar im Rahmen einer grundlegenden Neubewertung königlichen und adligen Verhaltens im früheren Mittelalter. Nach Althoff habe es sich bei Konrads Umschwung keineswegs um einen schlecht überlegten, spontanen und emotional bestimmten Entschluß gehandelt.

          Die Entscheidung dafür sei schon vor der Messe am 27. Dezember in geheimer Beratung gefallen, die dramatische "Bekehrung" Konrads einschließlich des Tränenstroms sei inszeniert gewesen und habe dazu gedient, eine Änderung der Politik öffentlich zu demonstrieren. Alle Beteiligten hätten dabei genaue Spielregeln eingehalten, die zwar nirgendwo schriftlich niedergelegt oder wenigstens angesprochen waren, die aber mit Gesetzeskraft das Handeln der politischen Führungsschicht bestimmten. Diese Regeln seien darauf angelegt gewesen, Emotionen zu bändigen und Konflikte zu vermeiden oder zu entschärfen. Zwar handele es sich deshalb bei der Gesellschaft des zehnten bis dreizehnten Jahrhunderts um eine schriftlos-archaisch organisierte, aber doch um eine, die durch ihr Regelwerk eine erstaunliche Rationalität erkennen lasse.

          Althoffs Thesenbildung beruht auf der Rezeption der neueren Rechtssoziologie und besonders der Ethnologie; der Münsteraner Historiker erweitert und erneuert damit die herkömmliche deutsche Verfassungsgeschichte, die trotz der anders gerichteten Impulse Otto Brunners noch weithin in der engen Verbindung zur Rechtsgeschichte verharrt. Andererseits bedeutet Althoffs Ansatz eine entschiedene Absage an die anthropologische Wende in der neueren Mittelalterforschung. Sein Thema ist nicht der Mensch des zwölften Jahrhunderts in seiner damaligen Lebenswelt, sondern das normierte menschliche Verhalten. Es geht nicht um Individualitäten oder gar Persönlichkeiten, sondern um Systeme und Zustände.

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