https://www.faz.net/-gqz-6qfhi

Rezension: Sachbuch : Der Ingrimm des Aufruhrs

  • Aktualisiert am

Heideggers Gedanken zum Kriegsende / Von Günter Figal

          Nach einem oft zitierten Wort Hegels ist Philosophie ihre Zeit, in Gedanken erfaßt. Daran mag sich erinnert fühlen, wer den jüngst erschienenen Band der Heidegger-Gesamtausgabe liest. "Feldweg-Gespräche" versammelt drei Texte, die Heidegger 1944/45 geschrieben und offensichtlich als Artikulation seiner Gegenwartserfahrung gemeint hat. Die drei erdachten Gespräche werden zum ersten Mal vollständig veröffentlicht; nur einen Teil des ersten hatte Heidegger 1959 in einen schmalen Band mit dem Titel "Gelassenheit" aufgenommen. Die Gespräche wollen keine dramatischen Situationen darstellen; alle Unterredner bleiben schemenhaft, und so wird deutlich, daß es nicht um Verständigung zwischen verschiedenen Positionen, sondern um Selbstverständigung geht. Heidegger nimmt Überlegungen zur Diagnose des Jahrhunderts auf, die er schon seit Mitte der dreißiger Jahre entwickelt hatte, und er versucht, ins Klare zu bringen, wie Orientierung inmitten der Katastrophe und kurz nach ihr möglich sein kann.

          Besondere Aufmerksamkeit verdient das letzte Gespräch. Hier treten die Zeitbezüge mit einer dramatischen Zuspitzung hervor: Heidegger hat seinen Text in einem Zusatz auf den 8. Mai 1945 datiert und hinzugefügt: "Am Tage, da die Welt ihren Sieg feierte und noch nicht erkannte, daß sie seit Jahrhunderten schon die Besiegte ihres eigenen Aufstandes ist."

          Das mag, heute gelesen, verärgern oder irritierend wirken - scheint Heidegger doch den Sieg der Alliierten durch Einordnung ins Große einer abendländischen Verfallsgeschichte wegreden zu wollen; noch in der Niederlage weiß es der deutsche Philosoph anscheinend besser, wenn er weiß, daß der Sieg eigentlich kein Sieg ist. Irritierend ist die philosophische Neigung zur Globaldiagnose vielleicht auch dann noch, wenn man sie nicht mit vermeintlich persönlichen Motiven Heideggers verbindet; die Flucht in die Begriffe, in die großen Perspektiven und Geschichten spricht dann als Lebensverweigerung gegen die Philosophie. Doch bevor man sich ärgert, sollte man lesen. Zum Nachdenken bieten Heideggers "Gespräche" Anlaß genug.

          So ist bedenkenswert, wie Heidegger die unmittelbare Erfahrung der eigenen Zeit und den Versuch, sie zu begreifen, in ihrem Verhältnis zueinander versteht: als Spannung, die es auszuhalten gilt. Daß von der katastrophischen Zeit kaum die Rede ist, geht auf Scham zurück: Die "verblendete Irreführung des eigenen Volkes" sei "zu kläglich", um daran eine Klage zu verschwenden; davon zu sprechen sei nur "nach den höchsten Maßstäben und ohne falsche Leidenschaft" legitim. Die Anstrengung philosophischen Begreifens ist keine Flucht, sondern Lebensernst und Verantwortung - ein Verhalten jenseits von Selbstmitleid und Anklage. Im Versuch zu begreifen bleiben Schmerz und Verstörung offen; wer über die Verblendungs- und Verwüstungsgeschichte nachdenkt, um zu verstehen, daß und wie sie "tieferen und weither kommenden Wesens ist", wird immer wieder zum Menetekel der Ereignisse "zurückkehren" müssen.

          Wenn Heidegger nach dem Wesen der Exzesse von Gewalt, Terror und Vernichtung fragt, so geht es um die Frage nach dem Bösen. Und wie betont, kommt alles darauf an, das Böse nicht mit dem moralisch Schlechten oder dem Verwerflichen zu verwechseln. Moralische Beurteilungen reagieren nur, ohne das Böse wirklich zu fassen; ja, aus ihnen kann ein Geist der Selbstbehauptung sprechen, der mit dem Bösen verwandt ist. Das Böse nämlich ist der "Ingrimm des Aufruhrs" - also jene grenzenlose Dynamik der Selbstermächtigung, die sich auch im berechnenden und verfügenden System der Technokratie artikuliert; jener "Wille zur Macht", der seine eigenen Voraussetzungen untergräbt, indem er etwa eine bloß noch materialistische Sicht des Menschen betreibt und so den nach Selbstermächtigung strebenden Menschen auf seine biologische Existenz reduziert. Zur bloß noch biologisch verstandenen Ausrottung von Menschen, wie die "wütenden Funktionäre ihrer eigenen Mittelmäßigkeit" sie betrieben haben, ist es dann bloß noch ein Schritt.

          Heideggers Verständnis des Bösen als eines "Aufruhrs" hat klarerweise nur dann Sinn, wenn gesagt wird, wogegen der Aufruhr sich richtet. Traditionell war das einfach zu beantworten: Das Böse ist Aufruhr gegen Gott. Doch für Heidegger ist ein philosophischer Begriff Gottes problematisch geworden; wo Gott als die höchste Wirklichkeit, als oberstes Prinzip gedacht wird, spricht auch wieder das machtförmige Denken, das sich in der Technokratie der Moderne radikalisiert hat.

          Außerdem hat jeder philosophische Gottesbegriff nur Sinn, sofern er auf religiöse Erfahrung zurückgeht; und diese wiederum ist nur möglich als eine offene Haltung, in der man gelten lassen kann, was über das Eigene und eigens Bewirkbare hinausgeht. Heidegger nennt sie "Gelassenheit" oder spricht auch von einem "Warten", das kein Erwarten sein soll, sondern bloße Aufgeschlossenheit: eine Freiheit, die im Freilassen besteht. Die "Feldweg-Gespräche" sollen Wege in eine solche Freiheit sein. So stellen sie ihrer Zeit nichts entgegen, sondern bringen zur Sprache, wogegen die Zeit sich stellt. Wenn subversiv ist, was sich den herrschenden Kriterien entzieht, sind Heideggers Texte mit ihrem Plädoyer für die "Notwendigkeit des Unnötigen", für die Freiheit des Geltenlassens, subversiv.

          Das erweist sich vielleicht am deutlichsten in den Überlegungen zum Wesen des Nationalen, die im dritten Gespräch angestellt werden. Scharf wird der machtförmige Charakter des nationalistisch verstandenen nationalen Denkens betont und zugleich vom "noch vorenthaltenen Wesen unseres geschlagenen Volkes" gesprochen. Die Deutschenkönnten nicht Deutsche werden, "solange sie dem Deutschen nachjagen im Sinne eines Nationalen". Die eigene Tradition zu verstehen und aufzunehmen liegt jenseits einer gegen andere gerichteten Selbstbehauptung, die "auf Naturgegebenes pocht", und ist etwas anderes als der Versuch, sich hinter einem "verschwommenen Internationalismus" zu verstecken. Es ist die Freiheit zu sich, ohne die Freiheit gegenüber dem Fremden schwer möglich ist. Indem sie das Verhältnis von Gelassenheit und Bosheit erörtern, können Heideggers "Feldweg-Gespräche" zu verstehen geben, wie diese Freiheit zu sich mit dem begreifenden Erinnern von Verblendung und Schmerz zusammengehört.

          "Martin Heidegger-Gesamtausgabe". III. Abteilung: Unveröffentlichte Abhandlungen - Vorträge - Gedachtes. Band 77: "Feldweg-Gespräche (1944 / 45)". Herausgegeben von Ingrid Schüßler. V. Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 1995. 249 S., kt., 68,-, geb., 58,- DM.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          Französische Bereitschaftspolizisten nach einer Farbbeutelattacke der „Gelbwesten“ am 1. Dezember in Paris

          Aufstand in Frankreich : Die gelbe Gefahr

          Der Aufstand der „Gelbwesten“ hat seine Unschuld verloren. Er bildet die sehr französische Variante einer stillen völkischen Revolution, die ganz Europa erfasst hat. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.