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Rezension: Sachbuch : Der hundertjährige Glockenkrieg

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Ähnlich lokalpatriotisch muß auch Napoleon gedacht haben, dessen Vorliebe für den Klang der Glocken als Heimatersatz vielfach belegt ist. Daß ihm auf St. Helena keine Stunde mehr schlug, ließ den früheren Kaiser der Franzosen seine Verbannung besonders schmerzlich spüren. Schon in der Zeit des Konsulats hatte Napoleon die Restriktionen aufgehoben und die Häufigkeit und Anlässe des Läutens weitgehend einer Einigung zwischen Präfekten und Bischöfen überlassen. Man kann sich vorstellen, daß diese Regelung in den Gemeinden und Departements neue Konflikte auslöste.

Warum wurde der Streit um das Läuten so erbittert geführt? Warumbrach man Schlösser an Kirchturmtüren auf, warum war es wichtig, durch welchen Eingang der Kirche der "religiöse" Glöckner und durch welchen der Gemeindeglöckner gehen durfte? Solche Fragen, die Corbin in den Details zu präsentieren versteht, waren deshalb so umstritten, weil sie die klangliche Rahmung des Tages betrafen. Sie hatte in der Tat etwas mit persönlicher und kollektiver Identität zu tun, wenn von der Geburt, mancherorts sogar von den Wehen, bis zum Tod, vom Tagesbeginn bis zum Nachtgeläut der Klang der Glocke die Menschen begleitete.

Die Gefühle der Menschen für "ihre" Glocken läßt Corbin in einem der schönsten Kapitel deutlich werden, das die ergreifenden Zeremonien des Glockengießens erzählt, als es noch nicht von der industriellen Fertigung verdrängt worden war. Er berichtet, wie man günstige Omina schaffen wollte, mit dem freilich für die Haltbarkeit der Glocke und ihren Wohlklang eher abträglichen Brauch, Familienschmuck, Gold und Silber, in das glühende Erz zu werfen. Ein Kind, das eine solche ambulante Glockengießerei einmal erlebt hatte, vergaß sie sein Leben lang nicht. Die Glocke war die Heimat, mit ihr verknüpften sich früheste Erinnerungen und letzte Züge. Für die Romantik war sie das Symbol einer Entsprechung von innerer und äußerer Welt.

Um so mehr, als das Läuten eine Reihe praktischer Funktionen erfüllte. Da die meisten ländlichen Gemeinden im Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts keine öffentliche Uhr besaßen, war das Stundenschlagen ebenso wichtig wie das Läuten aus besonderem Anlaß, bei Sturmgefahr oder bei großen nationalen Ereignissen. Der Steuereintreiber ließ sein Kommen durch das Läuten der Glocke ankündigen, manchmal wurde die Glocke sogar geläutet, wenn die Gemeinde "Sondermüll" abtransportieren ließ.

Die persönliche Bindung und der praktische Nutzen ließen mit dem Vordringen der modernen Kommunikationsmittel und der Industrialisierung des Glockengießens nach. Hier markieren die Jahre um 1860 einen Wendepunkt. Corbin gelingt es, die allmähliche Veränderung der klanglichen Umwelt zu einer Sozialgeschichte der sinnhaften Gewohnheiten zu erweitern. Was in zahllosen historischen Werken wie eine Marionettenwelt der Interessen und Weltanschauungen erscheint, tritt bei Corbin an lebendigen Verhältnissen auf. Was bedeutet etwa die allgemeine, geheime Wahl auf dem Land? Zunächst eine allen Beteiligten höchst unangenehme Prozedur des Mißtrauens: Urnen müssen versiegelt und bewacht werden, überall muß man dem Verdacht, es könne nicht mit rechten Dingen zugehen, präventiv entgegenwirken. Für die Landbevölkerung, die ihre Türen in der Regel nicht verschloß, bedeutete dies einen Einbruch höchst gewöhnungsbedürftiger Normen in das Zusammenleben. Hier kann man begreifen, welche Folgelasten die Demokratisierung hatte für einen traditionalen sozialen Zusammenhalt und wie schwer neuartige Formen der Kohäsion zu schaffen waren. An diesem Punkt hätte man sich einen Vergleich mit anderen europäischen Ländern gewünscht - was keine Kritik ist, sondern nur ein weiteres Kompliment.

Niemand hat den Zusammenhang von kollektiven Sensibilitäten, politischer und sozialer Geschichte schärfer erfaßt als Alain Corbin: von den Freudenmädchen über die Gerüche, die Kleider und das Vergnügen am Meer. Mit der "Sprache der Glocken" hat Corbin der Geschichte ihre fünf Sinne zurückgegeben.

Alain Corbin: "Die Sprache der Glocken". Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Aus dem Französischen von Holger Fliessbach. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1995. 504 S., 1 Karte, geb., 54,- DM.

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