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Rezension: Sachbuch : Der Hülle Rache

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Wer weiß eigentlich, daß Schinkels berühmtes Berliner Schauspielhaus, so wie es vor uns steht, gar nicht mehr Schinkel ist? Wilhelm II., irritiert vom Feinputz, den seine sparsamen Vorfahren 1820 befohlen hatten, ließ den Riesenbau mit jenen licht ockerfarbenen Sandsteinplatten verkleiden, die uns heute ...

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          Wer weiß eigentlich, daß Schinkels berühmtes Berliner Schauspielhaus, so wie es vor uns steht, gar nicht mehr Schinkel ist? Wilhelm II., irritiert vom Feinputz, den seine sparsamen Vorfahren 1820 befohlen hatten, ließ den Riesenbau mit jenen licht ockerfarbenen Sandsteinplatten verkleiden, die uns heute als Inbegriff jenes Schillerns zwischen Bild und Monument, Anmut und Erhabenheit vor Augen stehen, das an Schinkels Baukunst so sehr fesselt. Jene struktiven Pilaster, die in ihrer Steinverkleidung so selbstherrlich dastehen, daß sie einerseits Zwillingsgeschwister der radikalen Revolutionsarchitektur Friedrich Gillys scheinen, den Schinkel inbrünstig bewunderte, und andererseits wie die Vorläufer der funktionalistischen Stützenriegen wirken, mit denen Mies van der Rohe oder Gropius die Moderne aufmarschieren ließen, sind Sprößlinge der späten Gründerjahre, die mit Klassizismus so wenig zu tun haben wie Nero mit Perikles.

          Mißverständnis und Unkenntnis säumen Karl Friedrich Schinkels Nachwirken in der deutschen Architektur bis heute. Der Kunsthistoriker Andreas Haus zählt und wertet im einleitenden Teil seiner Untersuchung die Stationen dieser Vereinnahmung: "Bereits der späte Wilhelminismus hatte unter dem Schlagwort ,Preußischer Stil' eine militante Ästhetik der Gewalt in Schinkel hineingesehen, während im Gegenzug dazu sich humanistische Geister mühten, Schinkel in den milderen Rang eines goethegleichen Olympiers zu heben." Die Moderne habe ihn als "Begründer einer technologischen Ästhetik interpretiert", ehe er von den Nazis "in besonders barbarischer Form als Vorläufer einer preußisch-deutschen Machtarchitektur verkannt und mißbraucht" wurde.

          Zur selben Zeit nahmen deutsche Funktionalisten ihren Schinkel mit ins amerikanische Exil. Von dort kehrte er, unterdessen von den Architekten der DDR als Legitimator ihres stalinistischen Neoklassizismus in Dienst genommen und in der Bundesrepublik etwas nachlässig geehrt, zurück als Inspirator der Chicagoer Architektenschule, die unter dem Mies-Schüler Philip Johnson erst Amerika und mit der Berliner Internationalen Bauausstellung ab 1984 auch Deutschland einen postmodernen Schinkel schenkte. Die blamablen Folgen, von Leon Kriers anämischem Zitat des zerbombten Feilner-Hauses über das pappkartonartige Schinkelhommage-Doppel von Josef Paul Kleihues am Pariser Platz bis hin zur andächtig rekonstruierten Musterachse der Bauakademie, die zur Wiederauferstehung des ganzen Gebäudes animieren soll, sind bekannt.

          "Heute, wo das Konzept einer digital generierten ,virtuellen Architektur' in den Blick rückt, erwecken Schinkels visionär und körperlos wirkende Architekturzeichnungen ein neuartiges Interesse", stellt Andreas Haus am Ende seiner Rezeptionsbilanz fest. Vielleicht - Haus enthält sich eines Urteils - sind diese aktuellen Tendenzen dem wahren Schinkel näher als viele Kopisten und Verwerter zuvor. Denn das Visionäre und Körperlose ist eine, wenn nicht die Grundeigenschaft auch der Bauwerke des preußischen Genies: "Die schwerkraftorientierte Vorstellung des Emporwachsens weicht einer horizontalen, die zur Gewichtslosigkeit tendiert. . . . Der architektonische Organismus wird zum schwebehaften Konstrukt", schreibt Haus zum Entwurf Schinkels für den Wiederaufbau der Petrikirche.

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