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Rezension: Sachbuch : Der Held auf dem Kleinlaster und andere Wiedergänger

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Jedenfalls Muskelschmalz: Der Psychoanalytiker Sudhir Kakar erklärt, wie aus juvenilen Kraftproben Bürgerkriege werden

          In Hyderabad kam es im Dezember 1990 zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen. Den Anlaß bot eine "Pilgerfahrt" des Vorsitzenden der hunduistischen Bharatiya-Janata-Partei vom Tempel Somnath an der indischen Westküste nach Ayodhya im Norden. Dort, am Sitz der "erwählten Glorie" der Hindus, wollte Parteichef Advani eine Moschee niederreißen lassen und einen Tempel errichten. Sein Toyota-Transporter war so bemalt, berichtet Sudhir Kakar, daß er "dem Streitwagen des legendären Helden Arjuna glich, so wie er in der überaus populären Mahabharata-Fernsehserie gezeigt wurde".

          Bei jedem Halt brachten fromme Frauen am kultischen Fahrzeug Gebete, Kokosnüsse und Sandelholzpaste dar. Kurz vor dem Ziel wurde Advani verhaftet. Auf seine Anhänger, die bereits auf das Baugelände des Tempels vorgedrungen waren, ließ der Ministerpräsident von Uttar Pradesh das Feuer eröffnen. Partei-Aktivisten brachten die Asche der Helden in alle Teile des Landes und kündeten von ihrem Märtyrertod. Unruhen zwischen Hindus und Muslimen waren die Folge. Es dauerte nicht lang, bis sie auf das tausend Meilen südlich gelegene Hyderabad übergriffen. Als in ihrem Verlauf ein muslimischer Kommunalpolitiker von Hindus mit einem Schwert verletzt wurde, zogen die verfeindeten Mobs in der Altstadt von Hyderabad gegeneinander los. Die Unruhen zogen sich über zehn Wochen hin, dreihundert Menschen kamen ums Leben.

          Den in Delhi praktizierenden Psychoanalytiker Sudhir Kakar beschäftigt an diesem Konflikt weniger das Ereignis selbst als sein Muster. Ihm geht es um eine Anatomie des Bürgerkriegs schlechthin. Psychoanalytiker sind Universalisten; Kakar findet ohne Mühe Parallelen zwischen der Gewalt in Hyderabad und anderen Zusammenstößen in Ruanda, Bosnien oder Nordirland. Sie alle nimmt Kakar als Beispiele für "religiöse Konflikte in der modernen Welt" - wobei der Fall von Parteichef Advani deutlich macht, daß Religion hier keineswegs die Quelle, wohl aber das Medium des Konflikts darstellt.

          Die Stärken von Kakars Buch liegen in der akribischen Beschreibung eines lokalen Konflikts, seiner Ikonographie und sozialen Rhetorik, seiner Parteien mitsamt ihrer Eßgewohnheiten, seiner Täter und Opfer. Der Hindu Kakar, ein "agnostischer Mystiker", hat sich mit einer muslimischen Mitarbeiterin "zwischen den feindlichen Linien" aufgehalten und mit den Beteiligten "tiefenpsychologische" Gespräche geführt. So auch mit Majid Khan, dem Muslim-Politiker, dem ein Schwertstreich fast den Schädel gespalten hätte. Über Leute wie ihn erfährt man bei Kakar einiges. Sie werden "pehlwan" genannt, was "Ringer" oder "starker Mann" bedeutet. Kakar beschreibt die rituellen Sportstudios, in denen junge Männer zu "Tigern" ausgebildet werden, als Trainingscamps für ethnisch motivierte Gewalt. Gleich ob Hindu oder Muslim, mißbilligen die Ringer Sex, Kino und Fernsehen, Koedukation sowie westliche Mode- und Hygienestandards. Die Ringer sind "Fundamentalisten".

          Gelegentlich steigern sich solche juvenilen Kraftproben zum Aufruhr, auf den wieder eine Phase labiler Ruhe folgt. Kakar will die Mechanismen der Gruppenbildung und ihre Ursachen verstehen: "Historisch gesehen" sei die Ursache für die "Verbitterung" der Hindus gegenüber den Muslimen, "daß Muslime Rindfleisch essen und folglich Kühe töten". Überdies stehe einer dauerhaften Verständigung der "Mutterlandkomplex" der Hindus im Wege. Der Begriff wurde 1924 von einem britischen Armeepsychiater geprägt.

          Für die Hindus, so Kakar, verkörpern die Muslime "die meistgehaßte Outgroup". Die Muslime fühlten sich ihrerseits in ihrem Geburtsland diskriminiert; als ihre Heimat betrachten sie den Islam. Das Resultat ist ein Teufelskreis: "Die Verankerung der muslimischen Identität läßt bei den Hindus die Zweifel an der muslimischen Loyalität dem Staat gegenüber wachsen, was wiederum bewirkt, daß die Muslime sich zu ihrer Sicherheit noch enger an die Religionsgemeinschaft anschließen, was dem mangelnden Vertrauen der Hindus in den muslimischen Patriotismus neue Nahrung gibt."

          Gegen Kakars psychologischen Ansatz - der etwa die indische Verehrung der Kuh als Mutter und den "Mutterlandkomplex" auf die "ambivalente Einstellung des Kleinkindes zum mütterlichen Körper und zur Brust" zurückführt - lassen sich Einwände erheben. Der Autor selbst sucht sie zu entkräften, indem er darauf beharrt, daß unterschiedliche "Phantasien" gesellschaftlicher Gruppen die "treibende Kraft" hinter ihren "Idealen und Bestrebungen" seien. Doch kann Kakar die Vorzüge einer solchen "komplementären", "ganzheitlichen" Konflikttheorie nicht unbedingt plausibel machen. Lesenswert ist seine indische Fallstudie trotzdem. CHRISTOPH BARTMANN

          Sudhir Kakar: "Die Gewalt der Frommen". Zur Psychologie religiöser und ethnischer Konflikte. Aus dem Englischen von Barbara Hörmann. Verlag C. H. Beck, München 1997. 312 S., br., 39,80 DM.

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