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Rezension: Sachbuch : Der Heilige Krieg der Barbaren

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Ein Kampf um Jerusalem: Amin Maalouf schildert die Kreuzzüge aus arabischer Sicht

          Das Zeitalter der Kreuzzüge ist im Orient noch ungleich lebendiger im Bewußtsein als im Abendland. Figuren wie Saladin und Nureddin Zengi spielen noch eine Rolle in der modernen politischen Sprache wie in der Ideologie mancher Araber, ganz anders als in Europa, wo diese Epoche der eigenen Geschichte zwar wissenschaftlich erforscht und beschrieben wird, aber in den Köpfen keine Rolle mehr spielt.

          Der aus dem Libanon stammende, in Paris lebende Autor Amin Maalouf, der in den vergangenen Jahren durch einige Romane mit islamischen Sujets hervorgetreten ist, hat ein Sachbuch über die Kreuzzüge geschrieben, das man besser einen "Roman der Geschichte" nennen könnte. Es ist jetzt auf deutsch erschienen unter dem Titel "Der Heilige Krieg der Barbaren".

          Maalouf hat fortgesetzt, was vor Jahrzehnten der berühmte italienische Orientalist und Islamforscher Francesco Gabrieli in seiner kompakten Quellensammlung mit Texten mittelalterlicher arabischer Chronisten zu den Kreuzzügen unter dem Titel "Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht" begonnen hatte. Auf diese Quellen stützt sich auch Maalouf, er gestaltet den historischen Stoff nur stilistisch lebendiger aus. Was Ibn al Athir und Imadeddin, Ibn al Qalanisi und andere arabische Historiker der Region an Informationen über die bewaffneten Wallfahrten nach Jerusalem geboten haben, ergänzt der Autor durch moderne Forschungsergebnisse. Zitate aus arabischen Geschichtsschreibern wechseln sich ab mit den Deutungen und Beschreibungen des Autors.

          Das spannend zu lesende Buch ersetzt nicht das Studium der Quellenwerke oder der großen historischen Darstellungen jener Zeit, bietet aber einen farbigen Einstieg in das Thema, das für das Verständnis der Ereignisse im Nahen Osten bis heute nichts von seiner Brisanz verloren hat. Anders als die Historiker gliedert Maalouf seine Darstellung nicht nach dem zeitlichen Verlauf der insgesamt sieben Kreuzzüge, sondern versucht, einen historischen Rhythmus herauszuarbeiten, dem er Überschriften wie "Die Invasion", "Die Besatzungszeit", "Der Gegenschlag", "Der Sieg", "Der Stillstand" und "Die Vertreibung" gibt. Was im Jahre 1099 mit der blutigen Eroberung Jerusalems durch die christlichen Ritter begonnen hatte, endete 1291 mit ihrer schmählichen Vertreibung aus Akkon.

          Maalouf schont niemanden, weder die fanatisierten Christen noch die oft zerstrittenen und zögerlichen Muslime, denen freilich viel größere Sympathie entgegengebracht wird. Des Menschen Größe und Niedrigkeit - unter diesem Nenner könnte man diese zwei Jahrhunderte nahöstlicher Politik, die allerdings tief in die Geschichte beider Kulturkreise hineingewirkt haben, zusammenfassen. Seltener Edelmut und Toleranz kontrastierten mit häufig bewiesener Bestialität, Größe des Glaubens mit dumpfestem Aberglauben. Im Epilog macht der Autor deutlich, wie stark diese Epoche bis heute Politik, Gefühl und Kalkül der Araber bestimmt; und er stellt die Frage, ob die Muslime, nach außen hin Sieger dieser Auseinandersetzung, im weltgeschichtlichen Maßstab nicht damals schon den Anfang ihres Niedergangs erlebten. WOLFGANG GÜNTER LERCH

          Amin Maalouf: "Der Heilige Krieg der Barbaren". Die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber. Aus dem Französischen von Sigrid Kester. Eugen Diederichs Verlag, München 1996. 300 S., geb., 38,- DM.

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