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Rezension: Sachbuch : Der Heilige des Skeptizismus

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Gerhard Streminger schreibt die Lebensgeschichte des Philosophen David Hume

          Wie nach ihm Ludwig Wittgenstein hat David Hume den Weg von der Kritik der Denkarten zur Verteidigung der Lebensformen beschritten. Gerhard Streminger, Humes jüngster Biograph, weist auf die beiden gemeinsame Überzeugung hin, "die Philosophie werde in größte Schwierigkeiten geraten, wenn sie nicht im täglichen Leben verwurzelt ist". Die Skepsis findet in der alltäglichen Evidenz den Prüfstein der Wahrheit; das tägliche Leben des Skeptikers wird zur Probe auf die Geltung seiner Philosophie. Das hat Konsequenzen für die Rezeption. Das Leben geht vorüber; soll die Philosophie nicht ebenso vergehen, muß das Zeugnis ihrer Bewährung bewahrt werden. Ihre Wahrheit war zu Lebzeiten des Philosophen augenfällig. Nach seinem Tod wird sie legendär.

          Hume und Wittgenstein sind moderne Heilige. Ihre Jünger haben die Kunde von ihren guten Taten und ihrer weißen Seele verbreitet. Die Kränkung, die in der Erkenntniskritik liegt, wird erträglich durch den Trost der Anweisung zum seligen Leben. Die entscheidende Stunde im Leben des Heiligen ist die letzte. Seit der Schilderung, die Adam Smith am 9. November 1776 in einem Brief an William Strahan gegeben hat, gilt Humes Tod als Beweis dafür, daß auch ein Ungläubiger glücklich sterben kann. Auch Stremingers Darstellung kulminiert in der Sterbeszene. Die Tradition las den Tod des Sokrates als Ankündigung von Christi Martyrium. Hume stirbt wirklich heiter wie Sokrates. Das Kruzifix in der Schule der Philosophen wird abgehängt.

          Streminger, der die Werke Humes in der Folge ihrer Veröffentlichung erörtert, schickt dem Todesbild noch einen Abriß der postumen Schriften hinterher, der Abhandlungen über den Selbstmord und die Unsterblichkeit der Seele. Nicht um sein Seelenheil hat Hume sich gesorgt, sondern um seinen Nachruhm; er hat verfügt, daß seine Selbstbiographie allen Werkausgaben voranstehen solle. Die einzige Unsterblichkeit ist die literarische. Stremingers Schlußkapitel trägt den Titel "Kritik der Religion". Er bezeichnet das Interesse des Verfassers, der 1992 mit einer Schrift über den Grund des Mißlingens aller philosophischen Versuche in der Theodizee hervorgetreten ist. Humes Religionskritik ist für ihn keine vergangene Erscheinung des Denkens, sondern beschreibt eine gegenwärtige, ja zeitlose Aufgabe. So erklärt sich das ungewöhnliche Verfahren, daß Streminger nicht nur Humes Argumente gegen die Offenbarung referiert, sondern eigene hinzusetzt. Das Leben des Heiligen ist nicht wirklich vergangen, sondern ein nie veraltendes Beispiel.

          Gewöhnlich verdammt man eine Biographie, wenn man sie eine Heiligenvita nennt. Hier verhält es sich einmal anders. Der gerechte Zorn, mit dem Streminger "die Perversion menschlicher Gefühle durch den religiösen Fanatismus" beklagt und "die Machenschaften der Dunkelmänner" verfolgt, hat ein packendes Buch hervorgebracht, an dem sich die Geister scheiden werden. Der Verfasser verschmäht die antiphilosophischen Sedative der Philosophiegeschichte, Kontextualisierung, Historisierung und Relativierung. Seine Rede ist ja, ja, nein, nein. Wer meint, das Kreuz habe noch niemandem geschadet, lese Stremingers Vermutungen über die Wirkungen der calvinistischen Höllendrohung auf die Seele des kleinen David.

          Was Humes Lehre von der Bändigung der gewaltsamen Leidenschaften der calvinistischen Psychologie verdankt, wird dabei nicht verschwiegen. Auch wird Humes Kampf gegen die eigenen ungeselligen Leidenschaften geschildert. Zu jener gelassenen Menschenfreundlichkeit, die das von der Religion der Menschheit verheißene Heil ist, führt eine enge Pforte. Von ihrem christlichen Gegenstück unterscheidet sie, daß Humes gewaltiger Leibesumfang wie durch ein Wunder seinen Einlaß nicht erschwerte. Erst durch die Anfechtungen wächst der philosophische Glaube; auch in der realistischen Anthropologie reicht Stremingers Buch an die höchsten Beispiele der Hagiographie heran.

          Alter pastoraler Weisheit entspricht auch die in der philosophischen Fachliteratur beispiellose Anschaulichkeit, mit der der Denker und seine Lebenswelt gezeichnet werden. Der Biograph des großen Empirikers qualifiziert sich als liebevoller Beobachter. Dabei vergißt er den allegorischen Bildsinn nicht. Edinburgh, das im Laufe der Lebenszeit Humes aus gotischer Enge in klassizistische Weite strebte, wird zum Sinnbild der schottischen Gesellschaft, der der Kampf gegen Engländer, Könige und Naturgewalten einen demokratischen Instinkt überliefert hatte und der die Aufklärung nun durch Hume und seine Freunde Ferguson und Smith ferne Horizonte erschloß. Die ausführlichen Darlegungen zur schottischen Geschichte sind ein weiterer Zug, den man im Werk eines Fachphilosophen nicht erwartet. Dabei folgen sie aus der Entwicklung von Humes Philosophie, wie Streminger sie schlüssig darlegt, aus der Wendung zur Geschichte.

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