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Rezension: Sachbuch : Der große Frühjahrsputz der Welt

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Wenn man jedoch das heutige Millenniumsbewusstsein unter die Lupe nimmt, fällt vor allem auf, wie bescheiden die Visionen geworden sind. Burkhard Spinnen erwartet in seinem "ultimativen Beitrag" zur Anthologie "Schluss mit dem Jahrtausend!" ein definitives Ende des Blödsinns, der uns alltäglich aus den Werbeagenturen in Aug und Ohr geschleudert wird. Am Zigarettenwerbeslogan "Genuss braucht kein Motiv" liest Spinnen die Zeichen eschatologischer Verheißung ab: Ohne Motiv keine Motivation, und ohne eine mögliche Motivation keine erfolgversprechende Werbung. "Versprecht Euch nicht zuviel vom Ende der Welt" möchte man mit Stanislaw Lec ausrufen. Vielleicht wird gerade das Erschrecken darüber, dass tatsächlich alles beim Alten bleibt, eine Dynamik der enttäuschten Erwartung in Gang setzen. Die Lautstärke der Mega-Party ist manifester Ausdruck eines unbewussten Affekts gegen den Status quo: Die Geister und Dämonen unseres Jahrhunderts können gar nicht schnell genug in den Ruhestand geschickt werden.

Wirft man mit Petra Gördüren einen vergleichenden Blick auf Konzeptkünstler der Gegenwart wie Felix Gonzales-Torres, Jenny Holzer oder Damien Hirst, erstaunt die Intensität, mit der existentielle und menschheitliche Fragen noch einmal verhandelt werden. Natürlich sind unsere Endzeitvorstellungen von wissenschaftlichen Dystopien dominiert, doch setzt gerade ihre Spannung zum verlorenen theologischen Horizont gestalterische Kraft frei: Man denke nur an Hirsts schockierende Arbeit "A Thousand Years", die als ein geschlossenes System mit verwesendem Rinderkopf und Insektenfalle den Kreislauf von Werden und Vergehen als tödliches Welttheater inszeniert. Muss Kunst heute, wie Gördüren pointiert, "endzeitlich" sein? Vielleicht kann vielmehr umgekehrt die Apokalypse heute nur noch in ästhetischer Vermittlung stattfinden, denn die realen Katastrophen haben wir längst im globalen Maßstab zu relativieren gelernt. Immer findet irgendwo ein Weltuntergang statt. Unsere Apokalypsen haben mehr mit Fernaufklärung als mit Naherwartung zu schaffen.

So werden wir vielleicht im nächsten Jahrzehnt Fußballspielern nach dem Ende der regulären Spielzeit ähneln, die die Hoffnung auf den Sieg längst aufgegeben haben und doch immer weiter laufen müssen, ohne zu wissen, wann der Abpfiff endlich erfolgen wird. Die Beine sind müde wie die Zukunftsvisionen, die Konzentration lässt nach. Aber allen Spielverderbern zum Trotz hat das Jahr 2000 dennoch eine theologische Bedeutung, wie der Religionshistoriker Jean Delumeau in einem bemerkenswerten Interview betont, nämlich als Jubiläum der Menschwerdung Christi. In dieser Perspektive hat die Jahrtausendfeier gar nichts Willkürlich-Zahlengläubiges mehr, da unsere Zeitrechnung selbst mit heilsgeschichtlicher Dignität versehen ist: Nur über die Erinnerung an Bethlehem bleibt die Möglichkeit einer Vollendung der Geschichte in Jerusalem wach. Die Offenbarung bleibt für den Gläubigen das Gegenteil eines Datums, nämlich unverfügbar und unberechenbar.

Anneke Bokern, Petra Gördüren: "Die Letzten Dinge". Jahrhundertwende und Jahrhundertende in der Bildenden Kunst um 1500 und 2000. Gebr. Mann Verlag, Berlin 1999. 180 S., Abb., geb., 198,- DM.

Arndt Brendecke: "Die Jahrhundertwenden". Eine Geschichte ihrer Wahrnehmung und ihrer Wirkung. Campus Verlag, Frankfurt am Main 1999. 430 S., geb., 68,- DM.

Umberto Eco, Jean-Claude Carriere, Stephen Jay Gould, Jean Delumeau: "Das Ende der Zeiten". Aus dem Französischen von Ronald Voullié. DuMont Verlag, Köln 1999. 298 S., geb., 39,80 DM.

Stephen Jay Gould: "Der Jahrtausend-Zahlenzauber". Durch die Scheinwelt numerischer Ordnungen. Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999. 224 S., Abb., geb., 29,80 DM.

Manfred Jakubowski-Tiessen, Hartmut Lehmann, Johannes Schilling, Reinhard Staats (Hrsg.): "Jahrhundertwenden". Endzeit- und Zukunftsvorstellungen vom 15. bis zum 20. Jahrhundert. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999. 400 S., Abb., geb., 78,- DM.

Helmut Lotz, Kai Precht (Hrsg.): "Schluss mit dem Jahrtausend!" 15 ultimative Beiträge. Mit Zeichnungen von R. M. E. Streuf. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999. 208 S., Abb., br., 16,90 DM.

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