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Rezension: Sachbuch : Der große Frühjahrsputz der Welt

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Das Jahr 2000 ist also weder kalendarisch noch theologisch für eine Zeitenwende ausgezeichnet. Milliarden Menschen werden sich dennoch von drei großen Nullen bestricken lassen. Doch wenn im großen Irrtum ein Quäntchen Wahrheit steckte? Woran wäre das nahende Weltende zu erkennen? Welche Kriterien könnten zur Einrichtung einer zeitgemäßen eschatologischen Skala dienen? Der lutherische Kirchenmann Daniel Schaller, Pfarrer in Stendal, verfasste 1595 einen Traktat, in dem der Weltuntergang nicht für 1600, sondern für 1630 angekündigt wird. Der vollständige Titel der Schrift, die Hartmut Lehmann im erwähnten Sammelband kommentiert, lautet: "Herold: Ausgesandt in allen Landen öffentlich zu verkündigen und auszurufen. Daß diese Welt mit ihrem Wesen bald vergehen werde / und der jüngste Gerichtstag gar nahe vor der Tür sei / Und solches mit gewissen satten Gründen / nicht aus des Himmels Gestirn / menschlichen Gehirn oder ungewissen betrüglichen Gesichten / sondern aus den hellen klaren Weissagungen Altes und Neues Testaments / genommen."

Früher gab es als Faustregel eine topische Reihe von Endzeitzeichen, die der Reihe nach zu notieren waren. Die meisten der insgesamt zweiundzwanzig von Schaller aufgeführten Beweise sind wenig originell; die Rede ist von der Türkengefahr, Naturkatastrophen oder grassierenden Irrlehren. Aber es finden sich auch so bemerkenswert aktuelle Zeichen wie die zunehmende Schwermütigkeit der Menschen oder die noch nie dagewesene Häufung von, wie wir heute sagen würden, Beziehungskrisen: "Unter Eheleuten ist kein rechte Lieb, Treu, Glauben, Vertrauen, Fried und Einigkeit mehr, man höret und erfähret täglich in allen Landen von Reichen und Armen, wie sie die Höll miteinander bauen, sich untereinander schelten, schmähen, raufen, schlagen und sich zerbeißen und zerkratzen wie die Hund und Katzen, ja einander nach Leib und Leben stehen." Hinzu kommen verwerfliche "Üppigkeit und Leichtigkeit" in der Mode, der unmäßige Verzehr "leckerhaftiger, teurer, ungewöhnlicher Speisen" aus fernen Ländern und ein allgemeiner Preisanstieg.

Zu denken aber sollte uns vor allem geben, dass gerade der verbreitete Spott über jene, die vom Jüngsten Tag predigten, als schwere Sünde und letzter Sieg des Satans ausgemacht wird. Je mehr die Menschen verlachen, "was man ihnen von Himmel und Höll, Gott und Teufel, weißen und schwarzen Engeln vorpredigt", desto näher rückt das erwartete Labsal für den einsamen Prediger in der Wüste. Also aufgepasst, wer sich über die Weitsichtigen unter uns lustig macht, die aus Furcht vor dem Y2K Büchsenfleisch und Bargeld horten. Wer zuletzt lacht, lacht am längsten, im besten Fall ewig. Schaller verstarb übrigens am 4. Januar 1630.

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